So überraschend und vorzeitig die Wahl – so überraschend und offenbar verspätet der Aufbruch in die Wahlkampagne. Noch ist nichts richtig im Gange, alles nur Vorgeplänkel. Und selbst in den Medien findet sich noch gar nichts Originelles – das heißt genauer: Nur ausnahmsweise; davon gleich später.

Aber ansonsten: In der Frankfurter Rundschau wird, was an dieser Stelle besonders gefallen muss, behauptet, in diesem Wahlkampf spiele das Internet eine viel größere Rolle. Das wird sogar stimmen, wenn man es von der Basis aus berechnet, die das vorige Mal galt. Aber wenn die Union sage und schreibe ein Prozent (in Zahlen: 1 Prozent) ihrer Wahlausgaben ins Internet stecken will, wenn sowohl SPD als auch Union in der Größenordnung um die 1.000 Mitglieder beziehungsweise ehrenamtliche Mitarbeiter auf diesem Wege geworben haben will, dann sieht man doch auch die effektiven Relationen. (Ich, das nebenbei, stecke mehr als ein Prozent meiner Arbeitskraft ins Internet – aber weder für die SPD noch für die Union, sondern für die ZEIT; keine Schleichwerbung, ehrlich!)

Was habe ich sonst am heutigen Morgen gelesen? Die Grünen streiten sich um Posten, die sie gar nicht zu verteilen haben. Graf Nayhauss will aufhören mit seinen Kolumnen von der Hintertreppe der Macht, hat der Rechercheur Leyendecker exklusiv herausgefunden – auf der Medienseite der SZ . Nein, der Wahlkampf ist offenbar noch nicht im Gange. Mir fehlen die Zeitungen, die nicht nur darüber schreiben, wer wie Politik betreiben möchte, sondern die der Politik (und den Bürgern) vorzeichnen, was denn eigentlich heute eine vernünftige Politik wäre. Nicht das "Wer" interessiert mich, sondern das "Was" – nicht die politics , sondern die policies . Deshalb, aus diesem Interesse bin ich vor nun über 35 Jahren Journalist und Leitartikler geworden. Ist die Zeit, in der der Journalismus wirklich sachlich aufklärerisch wirken wollte, schon vorüber – oder sind die ähnlich orientierten (und orientierenden) Kollegen einfach noch im Urlaub? Es geht ja nicht (nur) darum, die Politik und die Politiker kritisch vor sich herzutreiben, sondern auch darum, durch argumentative Aufklärungs- und Vorarbeit Politik möglich zu machen, indem Bürger und Leser Mut zu neuen Wegen gemacht bekommen, wie einst in den mittleren Sechzigern des vorigen Jahrhunderts.

Doch nun: In der Süddeutschen auf der Seite 1 findet sich immerhin ein wichtiger und witziger Kasten (gelegentlich hat diese etwas ältere Innovation der SZ doch ihr schlagendes und tragendes Recht), in dem Nico Fried (Kompliment!) das jüngste rhetorische Schwanken der Angela Merkel um die Frage nachzeichnet, ob Beitragssenkungen zur Arbeitslosenversicherung nun das Brutto-Einkommen der Leute anheben oder senken – oder, was richtig wäre, keines von beiden; es geht nämlich um das Netto-Einkommen, von dem freilich Frau Merkel nie gesprochen hatte. Ach, und wie die Internetredaktion der CDU/CSU die jeweils neueste Kurve in diesem Schlingern nach-manipuliert hat. Schönes Stück, weil es an einer kleinen Miszelle die große Frage aktualisiert und präzisiert, ob man eine solche Kanzlerkandidatin wirklich zur Kanzlerin machen oder auch nur in ein Fernsehduell (gar in deren zwei) mit dem Kommunikator Gerhard Schröder schicken sollte. Unbedingt lesen! Wer nur die FAZ zur Hand hat, findet den selben Sachverhalt auch auf deren Seite 3 in einer Randspalte, nur nicht so zugespitzt, aber doch mit ähnlichen ernsten Bedenken, was die große Frage angeht. Für das Hausblatt des gediegenen und militanten Bürgertums ganz schön wacker, wenn auch insgesamt vielleicht zu spät.

Arno Luik im Stern porträtiert die emotional aufgeladene Vakuosität der Rhetorik der Grünen-Chefin Claudia Roth, nicht ohne verdiente Häme. Aber man amüsiert sich gelegentlich gerne unter Niveau und Anspruch – womit wir – brutto! – wieder bei den politics und den Personen wären, denen wir endlich abschwören wollten. Aber gemach, der Wahlkampf hat ja – netto! – noch gar nicht richtig angefangen.