István hat jetzt Martins Job

Sie sind einander nie begegnet. Martin Kinkelin, 44 Jahre alt, lebt in einem Dorf in der Nähe der Stadt Schweinfurt in Deutschland. István Nagy, 26 Jahre alt, lebt in einem Dorf in der Nähe der Stadt Székesfehérvár in Ungarn. Vermutlich werden sie sich nie kennen lernen. Trotzdem gibt es eine Verbindung zwischen dem Deutschen und dem Ungarn. Der Computerkonzern IBM hat beschlossen, mehrere hundert Arbeitsplätze von Deutschland nach Osteuropa zu verlagern.

István Nagy hat jetzt Martin Kinkelins Job.

Schweinfurt. Die Buchstaben IBM stehen vor einer 50-jährigen Fabrik, und früher standen sie für die Zukunft. Die Fabrik selbst gehört der Firma FAG Kugelfischer und war die Vergangenheit. Hinter den roten Backsteinmauern stanzen und schleifen 3500 Metallarbeiter kleine Präzisionsstücke aus Stahl: Kugel-, Rollen-, Gleit- und Nadellager, dazu gedacht, in Autos, Zügen oder Waschmaschinen für reibungsarme Bewegung zu sorgen. Einst hieß das deutsche Wertarbeit. Heute heißt es, deutsche Arbeit sei zu teuer. Im vergangenen Herbst war bei FAG plötzlich von Standortschließung die Rede und von den niedrigen Löhnen in Rumänien. Am Ende stimmten die Metaller flexibleren Arbeitszeiten zu, sie verzichteten auf Geld, sie waren froh, ihre Jobs zu behalten, was blieb ihnen auch übrig?

Sie waren ja nicht bei IBM, wie die Leute von nebenan.

Die IBM Business Services GmbH (IBM BS), eine Tochter des größten Computerkonzerns der Welt, hat in der FAG-Fabrik ein Gebäude gemietet. Hier stanzt und schleift niemand. In den Großraumbüros sitzen IT-Fachleute auf rückenschonenden Stühlen. Sie betreuen Großrechner und warten Software, für FAG und andere Unternehmen. Mit den Metallern haben sie wenig gemein. Sie haben studiert. Sie verdienen gutes Geld, netto meist zwei- bis dreitausend Euro im Monat. Mit der Gewerkschaft hatten sie nie viel im Sinn.

Auch Martin Kinkelin nicht. Seit neun Jahren ist er bei IBM. Ein ruhiger Mann, der wenig Aufhebens um sich macht. "Ich bin eher der Typ Techniker", sagt er. Kinkelin hat einen Laptop vor sich stehen. Die Finger huschen über die Tasten. Hin und wieder greift er zur Kaffeetasse. Viel mehr Bewegung ist nicht. Die Arbeit findet im Kopf statt. Kinkelin sagt: "Ich habe mich hier immer sicher gefühlt."

Natürlich kannte er die Gefahren der Globalisierung. Er hatte erlebt, wie die FAG-Arbeiter um ihre Jobs bangten, hatte Berichte gelesen über mögliche Standortverlagerungen, bei Opel, bei Daimler. Aber ging es da nicht um Fließbandarbeiter? Martin Kinkelin ist Wissensarbeiter. Wissen lässt sich schwer ersetzen. Und IBM ist nicht in Not. Der Konzern schreibt gute Gewinne, allein im vergangenen Jahr 8,4 Milliarden Dollar, mehr als je zuvor.

Am Morgen des 23. Februar treffen sich in Schweinfurt die 342 Mitarbeiter der IBM BS zur Betriebsversammlung im Saal der Jugend. So heißt die Kantine von FAG Kugelfischer. Hier essen sie sonst zu Mittag, die Metallarbeiter und die Computerexperten. Hier steht an diesem Morgen der IBM-BS-Geschäftsführer Johannes Nagel hinter einem Stehpult aus Plexiglas. Nagel ist voll des Lobes. Er sagt, die Jobs seien sicher, wenn es nicht zu schweren Einbrüchen komme. Intern wird bekannt, dass die IBM BS im Jahr 2004 eine Umsatzrendite von 17,4 Prozent verzeichnete, eine Zahl, von der viele deutsche Unternehmen träumen.

"Damals hieß es noch, wir bekommen demnächst neue Büromöbel", sagt Martin Kinkelin.

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Dann kam der 3. März. Eine Woche nach der Betriebsversammlung steht Nagel wieder am Stehpult. Diesmal hat er Wachleute an den Türen postiert. Nagel sagt, der Konzern habe beschlossen, den IBM-BS-Standort in Schweinfurt und den in Hannover, wo 278 Leute arbeiten, zum 30. September zu schließen. Die Arbeit werde künftig in Tschechien und Ungarn erledigt.

Seitdem stehen die Buchstaben IBM in Schweinfurt für die Vergangenheit.

Budapest. Am Tag, an dem Johannes Nagel zum zweiten Mal im Saal der Jugend spricht, treten im ungarischen Wirtschaftsministerium zwei Männer vor die Presse. Beide sind jung, beide haben kurz rasierte Haare, beide haben schnell Karriere gemacht. Der eine ist János Kóka, Wirtschaftsminister. Der andere ist Péter Paál, Chef von IBM Ungarn. Paál sagt, er freue sich, mitteilen zu können, dass seine Firma in Ungarn 700 Arbeitsplätze schaffen werde.

Stuttgart. In der Pascalstraße 100 steht die Zentrale von IBM Deutschland. Hier arbeiten die Manager, die Antworten geben könnten auf die Fragen, die sich die Mitarbeiter in Schweinfurt und Hannover seit Monaten stellen: Wieso verkündet die Geschäftsführung erst ihre Zufriedenheit und dann die Standortschließung? Wer zwingt ein hoch rentables Unternehmen wie die IBM BS dazu, Arbeitsplätze zu verlegen? Worauf ist in der Wirtschaft noch Verlass, wenn der gute Gewinn eines Unternehmens nicht mehr als Job-Versicherung taugt?

IBM möchte diese Fragen nicht beantworten.

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Am 4. März gibt das Unternehmen eine Erklärung zu der Standortschließung ab. Darin heißt es: "Wir planen diesen Schritt, um den sich ändernden Bedürfnissen unserer Kunden so effizient und wettbewerbsfähig wie möglich Rechnung zu tragen." Darüber hinaus äußert man sich bis heute nicht. Tatsache ist, dass Samuel Palmisano, der Chef des Weltkonzerns IBM, im Frühjahr in Amerika für das erste Quartal dieses Jahres einen Gewinn von 1,41 Milliarden Dollar bekannt gab. Trotzdem bricht an der New Yorker Börse der Kurs der IBM-Aktie ein. Marktbeobachter haben mit einem noch höheren Gewinn gerechnet. Palmisano kündigt "aggressive Maßnahmen" an. Bald heißt es, dass 8000 Jobs in Westeuropa gestrichen werden sollen.

Das Sparprogramm scheint sich auszuzahlen. Am 19. Juli gibt IBM neue Quartalszahlen bekannt. Sie fallen überraschend gut aus. Der Aktienkurs steigt. Das Unternehmen will den Stellenabbau forcieren.

Székesfehérvár. Der Bus hält in einem Dorf, das so aussieht wie Dörfer in Deutschland. Die Leute leben in Einfamilienhäusern, jedes Haus hat einen Garten. Auf den zweiten Blick sieht man den Unterschied. Die Häuser sind alt, der Putz ist verwittert, in den Gärten wachsen wenig Blumen, aber viele Tomaten und Kohlköpfe. Dazwischen picken Hühner, in manchen Ecken rüsseln Schweine. Wer viel aus dem eigenen Boden holt, kommt mit wenig Geld über die Runden. So rechnen die Leute hier.

Im Bus sitzt ein junger Mann. Dunkle Haare, billige Jeans, T-Shirt: István Nagy. Er schaut nicht aus dem Fenster, er kennt das Bild, er wohnt selbst in so einem Dorf. In Wahrheit hat István Nagy einen anderen Namen. Den in Ungarn neu eingestellten IBM-Mitarbeitern ist es nicht erlaubt, mit der Presse zu sprechen. Der Kontakt zu Nagy kam über den Mitarbeiter einer deutschen Organisation in Budapest zustande, der ihn zufällig kennt.

Nachmittags um halb eins ist Nagy in den Bus gestiegen, anderthalb Stunden vor Arbeitsbeginn. Mit einem eigenen Auto könnte er auf den Umweg durch die Dörfer verzichten, er wäre doppelt so schnell. "Für ein Auto fehlt mir das Geld", sagt er. Wie den meisten Leuten, die in dem Industriegebiet am Rand von Székesfehérvár arbeiten, für amerikanische, japanische, deutsche Firmen.

Jeden Tag sammeln die ausländischen Investoren ihre Arbeiter ein. Kurz vor Schichtbeginn um 6 Uhr, um 14 Uhr, um 22 Uhr halten die Busse der Unternehmen vor dem ehemaligen Gelände der Firma Videoton, einst eines der großen Unternehmen osteuropäischer Planwirtschaft. Bis Ende der Achtziger arbeiteten dort 15000 Leute. Sie bauten Fernseher, Radios, Funkgeräte. Dann kam die Wende, die Arbeitslosigkeit. Schließlich kamen die ausländischen Investoren, angelockt von niedrigen Löhnen.

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Ende März sieht István Nagy ein Inserat in der Zeitung. IBM sucht IT-Fachleute. Nagy hat Informatik studiert. Er sagt, er habe sich schon immer für Computer interessiert. Zwar stammt das Inserat nicht von IBM selbst, sondern von einer Leiharbeitsfirma, die ihre Leute an den US-Konzern vermittelt. Aber das stört Nagy kaum, die meisten seiner ehemaligen Kommilitonen arbeiten für solche Subunternehmen.

István Nagy verschickt Fotos und Zeugnisse, zu acht sitzen sie beim Vorstellungsgespräch, reden über Software und Speicherkapazitäten, zwei der acht Bewerber werden genommen, Nagy hat Glück. Der 2. Mai ist sein erster Arbeitstag im IBM-Gebäude, einem einstöckigen weißen Kasten auf dem Videoton-Gelände. Vor der gläsernen Eingangstür stehen die Flaggen Deutschlands, Ungarns und der Europäischen Union.

István Nagy verdient 100.000 Forint im Monat, netto, 400 Euro, er sagt, das sei in Ordnung. Mit Schichtzulagen kommt er manchmal auf 140000 Forint, in einigen Jahren hofft er, 200.000 zu schaffen, 800 Euro, er ist ja noch Anfänger. Er sitzt jeden Tag drei Stunden lang im Bus und acht Stunden lang am Computer, auf einem rückenschonenden Stuhl, in einem Großraumbüro, wie Martin Kinkelin, nur die Schreibtische in Székesfehérvár sind nicht so alt wie in Schweinfurt. Auf Nagys Bildschirm erscheinen Nachrichten von Unternehmen aus Spanien, Frankreich, Deutschland, die Schwierigkeiten mit der Software haben. Nagy sucht die Fehler, morgens, abends, die Nacht hindurch, je nach Schichtplan.

Danach schaltet er zu Hause manchmal noch den Fernseher an. Er schwärmt für den Fußballverein Manchester United und will kein Spiel verpassen. István Nagy ist ein stiller Mensch, der sich ungern in den Vordergrund stellt, genau wie Martin Kinkelin.

Nur dass er 18 Jahre jünger ist, und ein paar tausend Euro billiger.

Schweinfurt. Es ist nicht lange her, da hat sich Martin Kinkelin verhalten wie ein globalisiertes Unternehmen. Er hat den Standort gewechselt. Hat sich neu auf dem Markt positioniert. Kinkelin hat ursprünglich Biologie studiert, "meine Leidenschaft", vor allem das Verhalten von Insekten und Spinnen.

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Nach dem Diplom hatte er an der Technischen Hochschule in Darmstadt eine Doktorandenstelle. Als er merkte, dass es mit der Karriere als Wissenschaftler schwierig würde, begann er sich neu zu orientieren, da war er schon Anfang 30.

Während des Studiums hat er viel programmiert, also bildet er sich weiter, zieht um, findet seinen ersten Job, bei einer Softwarefirma in München. Dann geht er zu IBM nach Schweinfurt.

Kinkelin arbeitet nicht selten 45 Stunden in der Woche und mehr, oft auch von zu Hause aus, er ist flexibel, und technisch ist das kein Problem, er könnte den Job auch im Gebirge erledigen. Er braucht ja nicht mehr als sein Hirn und seinen Laptop. Das weltweite Datennetz verbindet ihn mit den Kunden, um deren Computerprogramme er sich kümmert.

Martin Kinkelin gleicht einem modernen Konzern: Egal, ob Deutschland, Ungarn oder Tschechien, theoretisch kann er überall sein Geld verdienen.

Nur privat braucht er einen Standort. Die Unternehmen ziehen von Land zu Land wie nie zuvor, sie suchen den größtmöglichen Gewinn, aber ihre Mitarbeiter sind die alten geblieben. Sie suchen nach Sicherheit, nach Heimat. Martin Kinkelin ist verheiratet, er hat drei kleine Kinder. Vor fünf Jahren hat er mit seiner Frau ein Grundstück gekauft, auf dem Land. Sie haben einen Kredit aufgenommen, ein hübsches Haus gebaut, die Außenwände mit Holz verkleidet, vor der Tür einen kleinen Teich angelegt. "Das ist wie im Paradies", sagt Martin Kinkelin.

Am 30. September wird er arbeitslos. Der Konzern zahlt ihm eine Abfindung, ungefähr ein Jahresgehalt, das hilft natürlich, aber sehr weit kommt die Familie damit nicht. Kinkelin hat erst mit Mitte 30 angefangen, richtig Geld zu verdienen, und bisher alles in das Haus gesteckt.

In Schweinfurt war die IBM BS der einzige größere Arbeitgeber für IT-Experten. Kinkelin bewirbt sich jetzt in München, in Nürnberg, in Stuttgart, bisher vergeblich. Mit 44 zählt er in seiner Branche schon zu den Alten.

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Manchmal, sagt Martin Kinkelin, komme ihm das alles verrückt vor. IBM habe ihn auf ein Dutzend Schulungen und Fortbildungen geschickt, mitunter eine Woche lang. Anfahrt, Unterkunft, Kursgebühr, alles hat der Konzern bezahlt. "Die haben viel Geld in mich investiert, jetzt werfen sie das einfach weg."

Székesfehérvár. Die Eltern sind froh, dass ihr Sohn einen guten Job hat. Sie sind beide in Rente, die Mutter, einst Sekretärin bei Videoton, kümmert sich um das Gemüse, der Vater, einst Ingenieur bei Videoton, versorgt die Hühner, nebenbei renovieren sie das Haus, das sie vor 30 Jahren gebaut haben. István Nagy wohnt wieder bei ihnen, er wollte das so. Vor einem Jahr, nach der Uni, hatte er bei einer Firma in Budapest angefangen. Dort verdiente er nicht schlecht, aber er wollte wieder in sein Dorf, 40 Kilometer westlich von Székesfehérvár, wo seine Familie lebt und seine Freundin, eine Krankenschwester.

Er wollte zurück an seinen Standort.

István Nagy hat nicht gefragt, warum IBM in Székesfehérvár plötzlich neue Leute braucht. Arbeitsplätze bewegen sich heute innerhalb von Wochen von einem Land zum anderen. Aber wer will schon wissen, woher ein Job kommt? Wen kümmert schon, wer ihn vorher hatte? Hauptsache, es gibt ihn, Hauptsache, man kriegt ihn.

István Nagy hofft, irgendwann ein eigenes Haus zu besitzen, mit seiner Freundin zusammen, am liebsten in seinem Dorf, nahe bei den Eltern. So ähnlich wie Martin Kinkelin. "Bis ich mir das leisten kann, muss ich noch lange arbeiten", sagt er.

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Schweinfurt. Die Stadt hat 55000 Einwohner, das Rathaus ist 430 Jahre alt, draußen plätschert ein Brunnen, drinnen sitzt Gudrun Grieser, die Bürgermeisterin, an der Wand hängen Malereien, sie sagt, die Sache mit IBM sei eine Sauerei.

Seit 15 Jahren macht sie Kommunalpolitik, früher war sie Lehrerin, seit 15 Jahren ist sie in der CSU, von Heuschrecken spricht sie nicht, empört ist sie trotzdem. Gudrun Grieser sagt, sie habe Verständnis für Firmen, die ins Ausland gehen, weil sie nicht anders können, weil die Pleite droht. "Aber die IBM BS ist hoch profitabel, wenn so ein Unternehmen Arbeitsplätze streicht, das ist doch zynisch."

Sie hat das auch Johannes Nagel gesagt. Der Geschäftsführer der IBM BS saß bei der Bürgermeisterin am Besprechungstisch, im schweren, mit braunem Leder bezogenen Stuhl. Gudrun Grieser sprach davon, dass es hier um Akademiker gehe, um hoch qualifizierte Leute und wie wichtig diese Jobs für Schweinfurt seien. Johannes Nagel sprach von Umstrukturierungen. Dann gingen sie auseinander.

Gudrun Grieser sagt, ein Weltkonzern wie IBM sei natürlich nicht an ein einzelnes Land gebunden. "Aber wenn das überall so geht, was bleibt dann noch in Deutschland?"

Székesfehérvár. Die Stadt hat 105.000 Einwohner, das Rathaus ist 300 Jahre alt, draußen fotografieren ein paar Touristen, drinnen sitzt Gyorgy Schultz, der Büroleiter des Bürgermeisters, sein Chef ist auf Reisen, an der Wand hängen Malereien, er sagt, die Sache mit IBM sei ein Glücksfall.

Er ist ein hagerer Mann mit Nickelbrille und ergrauten Haaren. Soeben hat er die Vertreter eines britischen Unternehmens empfangen, potenzielle Investoren. Er hat ihnen seine Stadt als Standort empfohlen, am Ende hat er ihnen seine Visitenkarte gegeben. "Wenn Sie irgendein Problem haben, rufen Sie mich an, zu jeder Zeit." Schultz gibt nicht den Wirtschaftsförderer. Er tut, was er kann, aber er kennt seine Grenzen. Er sagt: "Die einfachen Arbeitsplätze werden bald wieder verschwinden."

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So wie IBM. Mitte der Neunziger entdeckt der Konzern den Standort Székesfehérvar. Am Rand des ehemaligen Videoton-Geländes stellt IBM eine Fabrik auf den Boden, die Wände nicht aus Stein wie bei der FAG-Fabrik in Schweinfurt, sondern aus Blech, das lässt sich schnell zusammenbauen. Eine 500 Meter lange, 100 Meter breite Halle für Fließbänder und Arbeiter, die Computerfestplatten montieren. Bis zum Herbst 2002.

Dann schließt IBM die Fabrik, die Festplatten werden künftig in Asien produziert, 3700 Menschen verlieren ihren Job. Der ungarische Arbeitsminister spricht vom "IBM-Phänomen", und das ganze Land begreift, dass Investoren nicht nur kommen, sondern auch gehen. Dorthin, wo die Arbeit noch billiger ist, nach Rumänien, nach China, in die Ukraine.

Jetzt stellt IBM in Székesfehérvár wieder Leute ein. Andere Leute als damals für die Fließbänder, Höherqualifizierte, Leute wie István Nagy. Gyorgy Schultz sagt: "Wir müssen künftig noch mehr in Bildung investieren, damit wir gegenüber den Niedriglohnländern einen Vorteil haben."

Schweinfurt und Székesfehérvár. Martin Kinkelin war dort, vor drei Jahren, eine Woche lang. Dort, wo jetzt István Nagy arbeitet, im IBM-Gebäude im Videoton-Industriegebiet. Das Unternehmen hatte die Niederlassung gerade aufgebaut. Kinkelin kam als Dozent, er sollte den Ungarn die Arbeit mit verschiedenen Computerprogrammen erklären. Er sollte helfen, den Standard auf deutsches Niveau zu heben. Es hat Spaß gemacht. Die Ungarn und die Deutschen sahen sich als Kollegen, abends gingen sie Bier trinken. Kinkelin ahnte nicht, dass er daran mitarbeitete, seinen eigenen Job überflüssig zu machen.

Székesfehérvár. Es ist der Morgen nach einer Spätschicht. István Nagy kam um Mitternacht nach Hause, er hat ein paar Stunden geschlafen, jetzt hat er noch ein wenig Zeit, bis ihn wieder der Bus zur Arbeit bringt. Er geht mit einem Freund durch das Dorf. Der Freund ist auch Informatiker, auch er arbeitet im Videoton-Industriepark, bei einer amerikanischen Firma. Er macht sich Sorgen. Ein paar Inder sind in seiner Abteilung zu Gast. Sie werden angelernt, dann sollen sie die Arbeit von Indien aus erledigen. Jetzt hat er Angst um seinen Job.

István hat jetzt Martins Job

István Nagy glaubt, dass sein Job sicher ist. Und wenn schlechte Quartalszahlen in Amerika erneut aggressive Maßnahmen nötig machen? "IBM investiert so viel Geld in meine Ausbildung", sagt Nagy, "die werden mich nicht einfach rauswerfen."