Am 4. März gibt das Unternehmen eine Erklärung zu der Standortschließung ab. Darin heißt es: "Wir planen diesen Schritt, um den sich ändernden Bedürfnissen unserer Kunden so effizient und wettbewerbsfähig wie möglich Rechnung zu tragen." Darüber hinaus äußert man sich bis heute nicht. Tatsache ist, dass Samuel Palmisano, der Chef des Weltkonzerns IBM, im Frühjahr in Amerika für das erste Quartal dieses Jahres einen Gewinn von 1,41 Milliarden Dollar bekannt gab. Trotzdem bricht an der New Yorker Börse der Kurs der IBM-Aktie ein. Marktbeobachter haben mit einem noch höheren Gewinn gerechnet. Palmisano kündigt "aggressive Maßnahmen" an. Bald heißt es, dass 8000 Jobs in Westeuropa gestrichen werden sollen.

Das Sparprogramm scheint sich auszuzahlen. Am 19. Juli gibt IBM neue Quartalszahlen bekannt. Sie fallen überraschend gut aus. Der Aktienkurs steigt. Das Unternehmen will den Stellenabbau forcieren.

Székesfehérvár. Der Bus hält in einem Dorf, das so aussieht wie Dörfer in Deutschland. Die Leute leben in Einfamilienhäusern, jedes Haus hat einen Garten. Auf den zweiten Blick sieht man den Unterschied. Die Häuser sind alt, der Putz ist verwittert, in den Gärten wachsen wenig Blumen, aber viele Tomaten und Kohlköpfe. Dazwischen picken Hühner, in manchen Ecken rüsseln Schweine. Wer viel aus dem eigenen Boden holt, kommt mit wenig Geld über die Runden. So rechnen die Leute hier.

Im Bus sitzt ein junger Mann. Dunkle Haare, billige Jeans, T-Shirt: István Nagy. Er schaut nicht aus dem Fenster, er kennt das Bild, er wohnt selbst in so einem Dorf. In Wahrheit hat István Nagy einen anderen Namen. Den in Ungarn neu eingestellten IBM-Mitarbeitern ist es nicht erlaubt, mit der Presse zu sprechen. Der Kontakt zu Nagy kam über den Mitarbeiter einer deutschen Organisation in Budapest zustande, der ihn zufällig kennt.

Nachmittags um halb eins ist Nagy in den Bus gestiegen, anderthalb Stunden vor Arbeitsbeginn. Mit einem eigenen Auto könnte er auf den Umweg durch die Dörfer verzichten, er wäre doppelt so schnell. "Für ein Auto fehlt mir das Geld", sagt er. Wie den meisten Leuten, die in dem Industriegebiet am Rand von Székesfehérvár arbeiten, für amerikanische, japanische, deutsche Firmen.

Jeden Tag sammeln die ausländischen Investoren ihre Arbeiter ein. Kurz vor Schichtbeginn um 6 Uhr, um 14 Uhr, um 22 Uhr halten die Busse der Unternehmen vor dem ehemaligen Gelände der Firma Videoton, einst eines der großen Unternehmen osteuropäischer Planwirtschaft. Bis Ende der Achtziger arbeiteten dort 15000 Leute. Sie bauten Fernseher, Radios, Funkgeräte. Dann kam die Wende, die Arbeitslosigkeit. Schließlich kamen die ausländischen Investoren, angelockt von niedrigen Löhnen.