Fünfhundert Klausuren warten auf Detlev Ehrig am Ende seines volkswirtschaftlichen Einführungskurses. Bis vor kurzem hieß das für den Wirtschaftswissenschaftler und Studiendekan an der Universität Bremen, pro Semester 2500 handbeschriebene Seiten zu korrigieren. Mit Antworten, die manchmal kaum leserlich oder so schwammig formuliert waren, dass ihre Bewertung zur Denksportaufgabe wurde. "Wenn man das sechs Wochen lang acht Stunden täglich macht, kann die Laune sinken", sagt Detlev Ehrig. Doch nun sind die Papierfluten verebbt, denn seit dem vergangenen Wintersemester lassen er und sein Kollege Georg Müller-Christ ihre Klausuren im Grundstudium am Computer schreiben. Im Rahmen des Pilotprojekts "eExamination" haben bislang 1300 elektronische Prüfungen – E-Klausuren genannt – in den EDV-Räumen der Universität stattgefunden.

Schummeln lohnt nicht mehr

Die Studenten erleben eine neue Testkultur: Statt, über das Papier gebeugt, Antworten frei zu formulieren, müssen sie am Monitor mit Maus und Tastatur Diagramme ergänzen, Zahlen eingeben, statistische Kurven ziehen, Lückentexte füllen oder die Korrektheit von Aussagen beurteilen. Auf den Nachbarschirm zu schielen lohnt nicht: Ein Zufallsgenerator stellt aus einem Fragenkatalog für jeden Studenten individuell die Prüfungsaufgaben zusammen. Die Antworten werden vom Rechner ausgewertet – zuverlässig, ohne Willkür. Sofort nach Ende der Klausur sieht jeder Teilnehmer sein Ergebnis auf dem Monitor. Das wochenlange Bangen ist vorbei, ein wesentlicher Pluspunkt für die Studenten. 80 Prozent begrüßen laut Umfrage die neue Prüfungsform, empfinden sie als transparenter und objektiver.

Ehrig und Müller-Christ betonen, dass die neue Prüfungsform ihnen nicht nur mehr Zeit für die Forschung lasse. Zugleich werde das Niveau der Klausuren steigen, prognostizieren sie. Die ausgefeilte Software verlockt dazu, kniffligere Aufgaben zu stellen. Die Zahl der Fragen wurde schon kräftig erhöht, weil die Studenten ohne die Schreibarbeit mehr Zeit haben. Die Befürchtung einiger Kollegen, durch die standardisierten Antworten könnten die argumentativen Fähigkeiten verkümmern, teilt Ehrig nicht. Im Grundstudium sei es auch früher um das Abfragen von Faktenwissen gegangen, da schaffe der Computer Genauigkeit. "Statt blumiger Antworten auf schwammige Fragen gibt es präzise Antworten auf klare Fragen." Im Hauptstudium, wo Argumentation und Analyse eine wichtigere Rolle spielen, bleiben die herkömmlichen Klausuren erhalten.

Bislang sind elektronische Prüfungen auf wenige Fächer an einer Hand voll Universitäten beschränkt. Als Vertreter eines Massenfachs sind Wirtschaftswissenschaftler für den Charme digitaler Effizienz besonders empfänglich. Doch der Druck, auf E-Klausuren umzusteigen, wird in allen Fakultäten wachsen, schon wegen der neuen Bachelor- und Master-Studiengänge mit ihrer Vielzahl an Prüfungen. Neben wirtschaftswissenschaftlichen sind es die medizinischen Fakultäten, die die Entwicklung vorantreiben. Ein Grund ist die neue Approbationsordnung für Ärzte, die mehr benotete Prüfungen vorschreibt. Die Multiple-Choice-Fragen, die in der Medizin ohnehin üblich sind, lassen sich ohne Mühe digitalisieren. Im Fachbereich Medizin der Marburger Universität gibt es seit vier Semestern Online-Klausuren im Radiologie-Kurs. "Das System hat sich bewährt, sodass wir auf Papierklausuren inzwischen komplett verzichten", sagt Professor Hartmut Jungclas. Die Klausuren sind Teil des Internet-basierten Lernsystems k-Med (knowledge-based multimedia education) , das für die medizinische Ausbildung entwickelt wurde. Ergänzt wird das Lernen am Bildschirm durch die Arbeit in Gruppen. Vorlesungen, die bei den Studenten ohnehin nicht beliebt waren, hat die Fakultät aus dem Radiologie-Kurs gestrichen.

Welchen Reformschub computerbasierte Prüfungen entwickeln, lässt sich an der medizinischen Fakultät in Heidelberg beobachten. Hier werden in die E-Klausuren neben Multiple-Choice-Fragen fallbezogene Aufgaben eingebaut, die die Prüfungen praxisnäher gestalten. Die angehenden Ärzte müssen realistische Situationen Schritt für Schritt durchspielen. Wie lautet die Diagnose, wenn ein Patient über Atemnot und Schmerzen in der Brust und im Arm klagt? Auf die Antwort – Herzinfarkt wäre richtig – folgen Fragen nach der Behandlung. Studenten, die bei der Diagnose falsch getippt haben, erfahren die richtige Lösung und können weitermachen. Das Klausurprogramm verhindert aber, dass sie sich zurückklicken, um die vorigen Antworten zu korrigieren. Solche stufenförmigen Aufgaben wären mit Papier und Stift unmöglich.

Das Prüfungssystem fiel durch die Prüfung

Die Geschichte der E-Klausuren ist jung, aber sie verzeichnet bereits eine spektakuläre Bruchlandung. Als das rechtsmedizinische Institut der Berliner Charité im vergangenen Jahr seine erste Online-Klausur startete, bestand das Prüfungssystem die Prüfung nicht. Der Zentralrechner stürzte ab, 150 Kandidaten bekamen ihre Scheine gratis. Einige Systeme nutzen für die Datenübertragung das Internet. Manche Experten bevorzugen jedoch interne Netze mit autonomen PCs, sodass die Klausur selbst nach einem Zusammenbruch der Zentraleinheit fortgesetzt werden kann. Diese Lösung vertritt der Medizin-Informatiker Jörn Heid von der Fachhochschule Heilbronn, der die Heidelberger E-Klausuren mitentwickelt hat. Die Szene vernachlässige Sicherheitsfragen, sagt er – und meint auch die Rechtssicherheit der Klausuren: "Es ist eine Frage der Zeit, bis jemand klagt, mit der Begründung, dass das, was er eingegeben habe, nicht mit dem registrierten Ergebnis übereinstimme." Doch Heid und seine Kollegen haben ein Gegenmittel gefunden. Jedes Mal, wenn der Student eine Antwort eingibt, macht der Computer einen Schnappschuss vom Monitor. Anhand der Screenshots lassen sich spätere Beschwerden überprüfen.