Wie ein Konzentrationslager kommt es ihm vor, mit anderen zusammen abgedruckt zu sein - Elias Canetti im November 1947. Fassungslos stehen die Besucher der Präsentation Das Jahrhundert an der Gurgel packen im Jüdischen Museum Wien (bis 25. September) vor diesem Diktum des ausgestellten Autors.

Gefeiert wird der 100. Geburtstag des Literaturnobelpreisträgers, der hier als altösterreichischer Jahrhundertschriftsteller beansprucht wird.

Gefeiert wird er als Genie auf der Basis der offiziellen Biografie sowie der Bildmonografie der Autoren Sven Hanuschek und Kristian Wachinger (Hanser Verlag, München). Gefeiert wird ohne Distanz und kritische Reserve ein Mann und sein Werk von der Wiege bis zur Bahre. Ausgestellt sind Dokumente und Reliquien, die Zeugnis-Noten Eins für Betragen, Fleiß und Religion, die Zwei fürs Lesen und die Drei für das Schreiben. Dissertation und Diarien, Manuskript und Makulatur, Edition und Translation. Bettpfanne und Bücherwandattrappe à la Ikea-Showroom werden bemüht zur angestrengten Versinnlichung von Schriftlichkeit. Sechs überhohe, hohle Litfaßsäulen sollen die wechselnden Wohnsitze des Kosmopoliten symbolisieren. Dazu viel Plexiglas-Aufwand an den Wänden. Darüber, darunter, davor und dahinter Schriftflächen auf allerlei Trägern. Zitate, Zitate, Zitate, oft nur mit der Lupe zu lesen. Eine Hommage an den Verfasser von Masse und Macht hätte nicht notwendig zum hagiografischen Kotau geraten müssen. Leider erliegt diese Schau der Rezeptionssteuerung Canettis selbst, der zu Lebzeiten schon mit Widerwillen erfüllt war, dass verhass-te Germanisten an meinem Leben herumfingern werden: Ich will es aber so haben, wie es wirklich war! Sprich: Wie er es sehen wollte! Ein übergroßes Ego wird hier sichtbar, zwischen Hochmut und Depression, zwischen Hass-Orgie und infantilem Solipsismus, zwischen Größenwahn und Versagensangst. Das konfuse Ausstellungsdesign dient freilich nicht dem Verständnis solcher Widersprüche, es stört. Wie es auch stört, dass keinerlei Zwischenruf die adorierende Abschilderung unterbricht, die den misogynen Frauenverzehrer vorführt als galanten Frauenverehrer: Seiner Gattin Veza kostete diese monomane Galanterie ihre literarische Laufbahn.