Die meisten megachurches sind konfessionell ungebunden. Kein Bischof, keine Diözese kann ihnen Vorschriften machen. Fast alle sind evangelikal und konservativ. Ihre Gläubigen halten die Bibel für unfehlbar, die Evolutionslehre für fragwürdig bis falsch, Homosexualität für eine Sünde und Jesus für den Retter und Erlöser, mit dem man eine »persönliche Beziehung« unterhält. Missionieren ist ihnen oberstes Gebot. All das erklärt ihre politische Nähe zur Partei der Republikaner. Doch es erklärt nicht ihren sagenhaften Aufstieg.

»6.30 Uhr: Männer-Bibelgruppe in Raum AT 106. 7.00 Uhr: Jünger-Versammlung in Raum AT 109. 10.00 Uhr: Spirit Well im Aktivzentrum« – Letzteres ist Terry Gehrkes Fitnesskurs. »13.30 Uhr Adoptionen aus der Ukraine. 19.00 Uhr Bringing Up Boys« – ein Videoseminar für Eltern mit pubertierenden Söhnen.

Jeden Morgen flimmert auf Bildschirmen in der Southeast der Terminplan für Zellgruppen oder Minikirchen, wie sie im Hausjargon genannt werden. Montags um 19.30 Uhr treffen sich die Anonymen Alkoholiker. Donnerstags betet und therapiert die Selbsthilfegruppe »Depression«, daneben tagt die Gemeinschaft »Seelische Hilfe für Geschiedene«. Verlobte, die sich in der Southeast Christian Church trauen lassen wollen, durchlaufen 13 Wochen lang einen Ehevorbereitungskurs. Alleinstehende finden, nach Alter gestaffelt, Anschluss in einer Single-Gruppe. Wer sich zu Aktivismus berufen fühlt, protestiert mit den prayer warriors vor Abtreibungskliniken. Wer sich selbstständig machen will, geht ins Seminar für Unternehmensgründung. Wer arbeitslos geworden ist, geht montags um 19 Uhr zu Eileen Davis ins »Bewerbungstraining« – auch im weißen Wohlstandsgürtel rund um Louisville hat der Turbokapitalismus Spuren hinterlassen.

Im Fitness-Studio der Megakirche wird geschwitzt, aber nicht geflucht

»Schließen Sie Ihren Frieden damit, dass man Sie entlassen hat!«, ruft Eileen Davis, auf deren Visitenkarte »Professional Coach« steht. 15 Männer und vier Frauen, ausgestattet mit Namensschildern, Bibeln, Seminarordnern und Diät-Cola, nicken. Auf der Leinwand leuchten die Merkpunkte einer Power-Point-Präsentation. »Chefs«, sagt Eileen Davis, »mögen keine Interessenten, die frustriert oder bitter wirken.« In ihrem Ton schwingt eine berufsbedingte Ungeduld mit. In ihrem Seminar wird nicht therapiert, hier wird trainiert.

An dieser Stelle sieht das Curriculum den Ersten Brief des Petrus vor: »Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk.« Jeder Teilnehmer muss jetzt fünf persönliche Stärken aufschreiben, die er beim nächsten Bewerbungsgespräch aufzählen soll.

»Ganz wichtig«, ruft Eileen Davis dazwischen, »nicht in Miniröcken oder Jeans erscheinen!« Und kein anmaßendes Auftreten an den Tag legen: »Fragen Sie bloß nicht gleich, ob die Firma Sozialleistungen bietet.« Auf der Leinwand leuchtet jetzt wie ein Mantra: »Selbstvertrauen, Selbstvertrauen, Selbstvertrauen.«

Das sagt sich so leicht. Gary, ein Schrank von einem Kerl, weiß nicht, was seine Stärken sind. Casey kann aufgrund einer Behinderung nicht Auto fahren, was ihn im suburbanen Amerika faktisch bewegungsunfähig und damit schwer vermittelbar macht. Matt gerät immer noch ins Stocken, wenn man ihn fragt, warum er seinen letzten Job bei einer Software-Firma verloren hat. Eileen Davis wittert Selbstmitleid. »Hat Ihre Firma Pleite gemacht? Pech. Ist Ihr Job nach Indien ausgelagert worden? Pech. So sind die Zeiten. Wer heute oben bleiben will, braucht eine hohe Toleranz für Wechsel und Unsicherheit« – und den Brief des Paulus an die Römer, 8, 31: »Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?«

Die Sitzung schließt mit einem Dankgebet für die Referentin. Dann stürzen sich Matt, Casey und die anderen auf die restlichen Doughnuts und die ausgedruckten Stellenanzeigen von www.christianjobs.com

»One-Stop-Worshipping« nennt man das Erfolgsrezept der Megakirchen in Anlehnung an das »One-Stop-Shopping«-Prinzip der Einkaufszentren. Suburbia ist eine Welt ohne Bürgersteige, Laufkundschaft und Straßenläden. Ist das Auto erst einmal geparkt, wollen die Bewohner alles an einem Ort kaufen können. Suburbia ist auch eine Welt ohne Kern, ohne öffentliche Plätze, ohne Stadtparks und Straßencafés. Dieses Vakuum kann die Shopping-Mall nicht füllen – auch nicht mit der mittlerweile obligatorischen Starbucks-Filiale.

Die Megakirche aber kann es. Ist das Auto erst einmal geparkt, finden die Bewohner Suburbias hier alles an einem Platz: den Gottesdienst, den Therapeuten, das Sportstudio, den Multimedia-Shop, die Job-Beratung, die Spendenbüchse für die Obdachlosen. Und einen sicheren Ort, an dem man die Kinder lassen kann.