Folglich ist die Ähnlichkeit der Southeast Christian Church mit einer Shopping-Mall kein Zufall. Rolltreppen, gläserne Aufzüge, weitläufige Lobby, Air-Condition – hier ist der Mensch nicht Sünder, sondern Kunde mit allen Sorgen und Wünschen des modernen Lebens.

Die Heilige Schrift, so unfehlbar sie sein mag, reicht als Angebot nicht aus. Sie wird kombiniert mit Regalen voller christlicher Selbsthilfebücher, die in sieben, acht oder zwölf Schritten den Weg zur perfekten Ehe, zur tieferen Beziehung mit Jesus oder zum wirtschaftlichen Erfolg aufzeigen. Dazu kommt ein üppiges Freizeit- und Unterhaltungsprogramm.

»Die Verirrten zu bekehren, die Erlösten zu ehren, den Bedürftigen zu dienen« lautet das Credo der Southeast Christian Church. Wer sich ihr verschreibt, hat Zugang zur kircheneigenen Basketballhalle, zu Fitness-Studio und Laufbahn, wo geschwitzt, aber nicht geflucht werden darf. Der kann auch seine Kinder auf dem Spielplatz über Noahs Arche und die Mauern Jerichos klettern lassen. Er kann im kircheneigenen Ferienclub Urlaub machen, christliche Rockkonzerte und Barbecues besuchen, kann an christlichen Angelausflügen und Golfturnieren teilnehmen.

»Jesus lebt in Disneyland«, spotten Kritiker der Megakirchen. »Die Religion ist auf die Massenkultur gestoßen«, sagt der amerikanische Sozialwissenschaftler Alan Wolfe. »Und die Massenkultur hat triumphiert.« Letzteres sieht man in der Southeast Christian Church natürlich anders.

Es ist Sonntagmorgen – Wallfahrtstag in Louisville. Minivans und Geländewagen stauen sich von der Autobahnabfahrt bis zum Kirchenparkplatz. Zubringerbusse karren Gläubige heran. Uniformierte Polizisten winken die Blechschlange immer wieder aus dem Stillstand ins Kriechtempo.

Im Inneren der Kirche herrscht die konzentrierte Hektik eines Theaters am Premierenabend. Die Frauen und Männer vom Begrüßungsteam sind in Schichten, Stockwerke und Aufgänge eingeteilt. Das Kommunionsteam hat für den ersten Gottesdienst 9.000 Saftschälchen und 9.000 Minikekse auf 225 blank geputzten Tabletts platziert. Diese werden auf die Minute genau von den rein männlichen Teams der ehrenamtlichen Saaldiener abgeholt. Putzkommandos inspizieren die Toiletten und leeren die Mülleimer. Die Küchenmannschaft hat Obst, Gebäck, Kaffeebecher und Softdrinks für 9.000 Leute aufgetürmt. Im Multimedia-Shop sind die Bestseller aufgestockt: Darwin auf der Anklagebank oder Wenn die Hormone verrückt spielen – Hilfe für Frauen über 40. Dazu CDs christlicher Rockstars wie Mercyme und Newsboys, lederne Bibeltaschen mit Handy-Etui, Kaugummi mit Zitaten aus dem Neuen Testament.

Wer jetzt nicht sein ehrenamtliches Pensum in einem der Teams ableistet, sinkt im Allerheiligsten in die Sitzreihen und wartet auf den Gottesdienst. Dass in diesem Fall das Reporterteam einer deutschen Zeitung zusieht, wird nicht als Störung durch die säkulare Presse empfunden, sondern als himmlisches Zeichen gesehen und mit einem gehauchten »Wonderful« oder einem kernigen »God bless you« quittiert. Die Bühne ist in rosa Licht getaucht. Einen Altar gibt es nicht, auch kein Kreuz, dafür ein türkis leuchtendes gläsernes Taufbecken von der Größe eines Swimmingpools. Auf Kommando der Regie werden gleich die neuen Kirchenmitglieder in weißen Gewändern ins Wasser steigen und über Mikrofon ihr Leben »Jesus, dem Retter und Erlöser«, hingeben. Die Musik-Band stimmt weiche Pop-Melodien an, die Strophen sind auf großen Videobildschirmen eingeblendet. »Jesus, you are holy, you are mighty, you are holy, you are mighty…« Megakirchen sind nicht der Ort für Bach-Oratorien.

Junior-Pastor Dave Stone – groß, blond, jungenhaftes Lächeln, lässig gekleidet in Khakihosen und Hemd – schlägt mit Anekdoten über seine mangelnde Kondition beim letzten Volkslauf den Bogen vom Kreuzzug gegen schlaffe Muskeln zum Kampf gegen das säkulare Amerika. »Ernährt euch gesund! Werdet fit, damit Gott euch länger für sein Werk benutzen kann. Wer gegen den Wind laufen muss, der entwickelt Rückgrat. Der weiß, wie man allein draußen in der säkularen Welt besteht, wie man den Spott aushält, weil man bis zur Ehe sexuell enthaltsam ist, weil man als Einziger bei Tisch betet.«

Wie schmerzhaft seine Zuhörer in den weichen Kinosesseln die Härte des christlichen Lebens spüren, sei dahingestellt. Stone jedenfalls gelingt es, in einem Raum von der Größe eines Sportstadions die Geborgenheit eines Kaminzimmers zu erzeugen. Das dankt die Gemeinde mit einem tiefen Griff in den Geldbeutel. Kurz vor Ende des Gottesdienstes stößt eine Phalanx uniformierter Polizisten die Saaltür auf und eskortiert einen Saaldiener mit der Kollekte zum Safe. Durchschnittlich 700.000 Dollar fließen jedes Wochenende in die Kassen der Southeast Christian Church. Wenn Geld der Maßstab für Erfolg ist und Erfolg ein himmlisches Zeichen, dann muss man allerdings glauben, dass Gott diese Kirche gesegnet hat.

Während Stone im Allerheiligsten predigt, beginnt im »Bildungsflügel« das Sonntagsprogramm für den Nachwuchs. Die Pressesprecherin der Southeast Christian Church gibt eine kurze Führung durch die Gruppenzimmer. »Wir haben Curricula für jede Altersgruppe.« Im »Pat the Bible«-Kurs nuckeln Kleinkinder zwischen sechs und 18 Monaten an Spielzeugtieren, während die Betreuerin im pädagogischen Singsang Erläuterungen gibt: »Gott hat diese Kuh geschaffen.« Die Kleinen brabbeln und quietschen. Es folgen Pferd, Katze, Sonne, Mond und die Heilige Schrift. »Das ist Gottes Buch.« Es wird weiter gebrabbelt und gequietscht. »Jetzt streicheln wir die Bibel.« Zwölf dicke Händchen patschen auf den abwaschbaren Einband. Im Hintergrund reinigt eine Assistentin den Gummizoo mit Desinfektionsmittel. Dann geht das Spiel von vorne los.

Ein paar Zimmer weiter klatschen und toben die Vierjährigen. Auf der Bühne führt ein Clown durch Ratespiel und Videos. »Hey«, ruft der Clown, »diese Woche erzählen wir allen Leuten, dass Jesus lebt! Und woher wissen wir, dass Jesus lebt?« – »Weil’s in der Bibel steht«, schreien 30 Gören aus vollem Hals.