Im »Basic Training for Jesus«, der Grundausbildung für Jesus, ist die Bühne schlicht mit militärischen Tarnfarben dekoriert. »Wenn ihr Soldaten für Jesus werden wollt«, erklärt der Jugendbetreuer den Zehnjährigen, »braucht ihr Disziplin und Ausdauer. Aber dafür liebt euch Jesus. Total.«

Eine unerschütterliche Gewissheit schwebt über diesen Szenen. Dass irgendjemand »Bibel streicheln« befremdlich finden könnte, ist den Erwachsenen in der Southeast unbegreiflich. Die Endzeit ist nah, vielleicht ist sie schon angebrochen. Jesus kann in 100 Jahren oder morgen wiederkehren. Nur wer sich ihm völlig hingegeben hat, wird vor den Höllenqualen gerettet, wie sie in der Apokalypse des Johannes beschrieben sind. Was kann falsch daran sein, die eigenen Kinder vom Windelalter an auf die neue, wunderbare Welt vorzubereiten – und sie für den Kampf gegen die alte, sündige zu wappnen?

Also schicken Eltern ihre Kinder sonntags ins »Basic Training for Jesus« und von montags bis freitags an die Christian Academy in Louisville. Deren Unterricht stellt höhere Anforderungen als viele staatliche Schulen und ist in ein »christliches Umfeld auf Basis der wörtlichen Auslegung der Bibel eingebettet«. Nach dem Highschool-Zeugnis stehen evangelikale Colleges und Universitäten zur Auswahl. Nach dem Hochschulabschluss warten Stellen in Anwaltskanzleien, Software-Firmen oder Consulting-Büros, die sich mit dezenten Hinweisen zu erkennen geben: »Suchen spirituell erfüllte Mitarbeiter«. Oder: »Hören gern christliche Musik am Arbeitsplatz«.

Autohändler und Chiropraktiker bieten Rabatte für gottesfürchtige Kunden

So wächst und gedeiht, wie in vielen arabischen Ländern, eine religiöse Parallelgesellschaft mit einem tief verwurzelten Misstrauen, ja einer Ablehnung alles Säkularen. In manchen amerikanischen Städten gibt es bereits ein »Christliches Branchenverzeichnis«: Autohändler, Chiropraktiker, Klavierstimmer oder Reisebüros bieten Rabatte für gottesfürchtige Kunden; Immobilienmakler spenden einen Teil ihrer Kommission an die Kirche des Kunden, evangelikale Kreditinstitute spezialisieren sich auf Darlehen für Megakirchen.

Christliche Alternativen zu den herkömmlichen Handelskammern bilden sich heraus. Man betet gemeinsam, handelt das eine oder andere Geschäft aus, diskutiert die lokale Konjunktur und christliche Geschäftspraktiken: Ist Bilanzfälschung nur ein weltlicher Gesetzesverstoß oder auch eine Sünde? Sind die geplanten Massenentlassungen bei General Motors ein Ausdruck von sündigem Management? Kann man einem Geschäftsmann einen Kredit geben, der eine geschiedene Ehe hinter sich hat?

Im Business Leadership Forum der Southeast Christian Church sind über hundert Unternehmer versammelt, darunter auch die Chefs einiger Großkonzerne wie David Novak, CEO des YUM!-Konzerns. Zu diesem gehören unter anderem die Fast-Food-Ketten Taco Bell, Pizza Hut und Kentucky Fried Chicken, wo viele Gläubige die Pfunde ansetzen, die sie dann unter Terry Gehrkes Führung wieder abnehmen wollen. Aber das ist nur ein Nebenwiderspruch – ein kleiner dazu.

Der Hauptwiderspruch ist, was Bob Russell, Senior-Pastor und Patriarch der Kirche, den »Kulturkampf um die Werte« nennt. Louisville nimmt in diesem Kampf eine zentrale Stellung ein. In spätestens 15 Jahren – da ist sich Russell absolut sicher – werden Soziologen hier ein Phänomen entdecken: eine Stadt mit stabilen Familien, in der die Schulen besser sind als anderswo, Kriminalität und Drogenkonsum niedriger und das Wirtschaftswachstum höher; eine Stadt, in der Männer wieder Alleinversorger ihrer Familie sind und Frauen zu Hause die Kinder erziehen, in der Söhne weder Marihuana rauchen noch betrunken Auto fahren und Töchter mit 16 nicht schwanger werden, weil sie vor ihrer Ehe abstinent bleiben.

Das ist der klassische Traum der christlichen Rechten von den vermeintlich heilen fünfziger Jahren, als Doris Day mit unschuldiger Mädchenstimme die Leinwand eroberte und noch niemand wusste, dass Rock Hudson schwul war.

»Nehmen Sie das nicht alles so ernst«, flüstern die jüngeren Frauen in der Gemeinde. Mit etwas Verspätung sind die Ausläufer der Frauenbewegung auch in die Southeast Christian Church geschwappt. Die weiblichen Angestellten in der Southeast haben gerade durchgesetzt, dass sie in Hosen zur Arbeit erscheinen dürfen. Jetzt fordern die Ersten hinter vorgehaltener Hand, beim Gottesdienst Kommunionsteller in das Allerheiligste tragen zu dürfen.

Russells Vision ist für seine Gläubigen denn auch weniger eine genaue Vorstellung der Zukunft. Sie drückt vielmehr ein Gefühl der Belagerung aus, das alle teilen, mit denen man hier spricht; die Fitness-Trainerin Terry Gehrke, der Sicherheitschef Ron Aguilar, Matt, Casey und ihr Bewerbungscoach Eileen Davis: Southeast ist eine der geordneten Festungen in einem chaotischen Land, das vom rechten Weg abgekommen ist, also wiedererobert werden muss.