Die Ursachen lassen sich auf einen Begriff bringen: Übernutzung – nicht nur der Wasservorräte, sondern zugleich jener Ökosysteme, die das Lebenselixier brauchen und stets neu hervorbringen. Das geschieht aus Profitinteresse, aber auch aus purer Not. Hirten in Entwicklungsländern schicken zu viel Vieh auf die bald kahl gefressenen Weiden, Bauern holzen Wälder ab, um Brennmaterial oder neue Äcker zu gewinnen. Dabei sind Bäume Schlüsselagenten dafür, dass Wasser und Nährstoffe in der Region bleiben. Dass sich der globale Verbrauch in 50 Jahren verfünffacht hat, liegt aber nicht nur an der wachsenden Erdbevölkerung, sondern auch an den Ansprüchen der westlichen Konsumkultur, die sich in den Schwellenländern und Dritte-Welt-Metropolen ebenfalls ausbreitet. 500 Liter Wasser pro Kopf und Tag mögen im waldreichen Norden der USA naturverträglich sein – aber nicht in Texas oder in Delhi. Auf der griechischen Vulkaninsel Santorini sollten die Hotels Touristen einen Swimming-Pool schon bieten – aber für den Anbau der legendären Tomaten reicht das Wasser kaum mehr aus.

Zur Knappheitskrise tragen auch Gifte im Wasser bei. Vor allem im Süden landen im Wasser hohe Mengen von Pestiziden aus der Landwirtschaft – die mit 70 Prozent der globalen Wasserentnahme zugleich der größte Verbraucher ist. In einem Kilo Getreide stecken 1.000 bis 2.000 Liter Wasser, in einem Kilo Rindfleisch bis zu 16.000 Liter. Dass Dritte-Welt-Regierungen, um die Nahrungsmittelproduktion zu erhöhen, ihren Bauern Strom und Wasser oft umsonst zur Verfügung stellen, hilft nur selten den Ärmsten. Dagegen verführt es viele Großbauern zur Verschwendung. Die Intensivlandwirtschaft laugt zudem die Böden aus und fördert deren Erosion.

Dabei gerät die Notwendigkeit, mit dem Export von Feldfrüchten Devisen zu erwirtschaften, oft in schmerzlichen Widerspruch dazu, dass deren Anbau die Lebensgrundlagen armer Kleinbauern gefährdet. In Kenia dient der Lake Naivasha als Quelle, um jährlich 52 Millionen Tonnen Blumen für Europa, Japan und die USA zu züchten – während drei Millionen Menschen im Land das Wasser für Haushalt und Felder fehlt. Mit Rosen, Baumwolle oder ganzjährig verfügbaren Zuckerschoten werde zugleich "virtuelles Wasser" ausgeflogen, sagt der Globalisierungsexperte Wolfgang Sachs; der Handel werde so zum "Motor der ungleichen Aneignung" einer ohnehin ungleich verteilten Ressource.

Auch der Klimawandel (siehe oben stehenden Kasten), der sich nicht zuletzt durch die Zunahme solcher Transporte beschleunigt, verändert den Wasserhaushalt dramatisch: Sturzregen und Überschwemmungen waschen Boden und Nährstoffe fort, Stürme beschleunigen die Wüstenbildung – die wiederum das Klima beeinflusst. Vom Hungerland Niger bis nach China, überall bemerken Bauern Abweichungen von den gewohnten Rhythmen und Intensitäten der Niederschläge. So verweist die Wasserkrise, mit der des Klimas aufs engste verbunden, auf die Abhängigkeit des Menschen von einem komplex vernetzten "Blutstrom der Biosphäre", wie der Berliner Limnologe Wilhelm Ripl sagt.

Die Fähigkeit, raffinierte Wassersysteme zu entwickeln, war die Grundlage für das Entstehen von Hochkulturen in Südamerika, Ägypten oder andernorts, wo es vor Jahrtausenden noch blühende Landschaften gab: "Sie glauben doch nicht", so Ripl, "dass die Römer einer Wüste wegen Krieg mit Karthago geführt hätten." Umgekehrt trug der Raubbau an Wasserressourcen dazu bei, dass Reiche verfielen: "Wie ein Körper, von dem eine zehrende Krankheit nur Knochen übrig ließ", schrieb der römische Historiker Plinius der Ältere über Griechenland, "ist der fruchtbare und lockere Boden überall erodiert, und übrig blieb nur das sterile Skelett …"

Wasserkrisen sind also nicht neu. Aber sie waren früher regional begrenzt – und geraten heute in den Strudel globalisierter Prozesse, die meist isoliert betrachtet und gestaltet werden. Dabei hängen fossile Energienutzung, Agrobusiness, westlicher Lebensstil, Zentralisierung, Verstädterung und Verwüstung untrennbar zusammen, ihre ökologischen Folgen schaukeln sich gegenseitig hoch. Und immer schneller werden Teile der Welt zu Staub: In den Neunzigern fielen mit knapp 3.440 Quadratkilometern pro Jahr mehr als doppelt so viele Flächen der Desertifikation anheim wie in den Siebzigern – trotz Absichtserklärungen und Initiativen der Regierungen seit rund 30 Jahren.

Offensichtlich greift die Definition des Begriffs Nachhaltigkeit zu kurz, derzufolge "Umweltgesichtspunkte gleichberechtigt mit sozialen und wirtschaftlichen berücksichtigt werden sollen". Ökologie braucht Vorrang. "Sie ist die Hardware", sagt der Gewässerkundler Ripl, "und ohne Hardware kann sich die Software Wirtschaft und Gesellschaft nicht entfalten." Denn man kann alles infrage stellen, vieles überwinden – nicht aber die Naturgesetze.