Was ist mit Gysi und Lafontaine los? Oh, eine ganze Menge. Endlich Lust bekommen auf die kommende Woche! Auf die Debatten, den Wahlkampf, und sogar auf die Neuwahlen. Gerhard Schröder hat uns mit seiner egozentrischen Neuwahl-Idee immerhin einen politisch interessanten Herbst beschert. Den kann Berlin Mitte gebrauchen (und nicht nur "Berlin Mitte", die Talkshow im ZDF-Zollernhof Unter den Linden). Man dachte schon, nach dieser Woche kein echtes Ereignis mehr zu erleben. Doch der talk of the town rings um den Reichstag geht nun anders: Es ist noch nichts entschieden.

Heute, gegen Mittag in der herrlich vollen, wachen und endlich temporeichen Bundespressekonferenz, in der sich über Mittag Gregor Gysi und Oskar Lafontaine den Journalisten präsentierten, stellte sich sogar der Gedanken ein: Was wäre, wenn? Wenn sie doch über 12 Prozent - ? Nein, halt, stop. Nur ein Gedanke. Aber immerhin, dermaßen aufgeräumt war die Performance der beiden, dass Gedanken aufkamen, die noch kurz zuvor keine Existenzberechtigung hatten.

Ein zweiter kleiner Trend hat diese Woche entschieden: Schluss mit der Personalisierung. Nicht nur Robert Leicht war diese Woche genervt von all den lachsfarbenen Geschichten der A.M., dem viel zu ausführlichen Gequatsche um ein einziges Rededuell. Schon zur Wochenmitte dann ging es um Sachfragen, auch wenn die Wolfgang Clements dieser Regierung offenbar keine Lust mehr haben, über die Realisierbarkeit ihrer Ziele nachzudenken, sondern nur noch Absichtserklärungen abgeben (Nullkommanull Jugendarbeitslosigkeit bis Dezember 2005 - schön wär's.)

Also: Die Damen und Herren Leitartikler dieser Republik dürfen und sollten nun unbedingt aus dem Urlaub zurückkommen. In der kommenden Woche geht's endlich zur Sache. Gemeinsam sollten die Kollegen, gerade auch aus der Münchner, Stuttgarter, Kölner und Hamburger Distanz, Sachlichkeit fordern - von links und rechts, von allen Seiten. Keine falschen Rechnungen mehr durchgehen lassen. Einen Wahlkampf ohne Niveau kann sich dieses Land nicht mehr leisten.

Zwar hatte es Gysi heute mit manchen Zahlen nicht so genau genommen, aber er argumentierte geistreich, er wird ein guter Streiter sein. Und Oskar Lafontaine ebenso. Auch wenn beide erst einmal in die Opposition gehen werden, nicht zuletzt weil der Heimatschutzverein, den sie ihre Partei nennen, geistig nicht so auf der Höhe ist wie die beiden - und eher noch in der Provinz oder in der wohlständigen und sicheren zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verharrt. Die zwei werden, wie es aussieht, provokante Oppositionsführer sein. Und das ist beinahe das höchste Amt im Lande.