Wahlkampf – weshalb eigentlich? Wer weiß denn schon, ob wirklich am 18. September Wahlen stattfinden werden? Etwas schizophren ist die Situation ja wirklich – kämpfen, aber nicht wissen, ob wirklich Krieg, na, sagen wir: Kampf sein wird. Stell Dir vor, s’ist Kampf – und keiner darf hin. Weil Karlsruhe es verboten hat? Nun, am Dienstag fand in Karlsruhe erst einmal eine mündliche Verhandlung über die Klagen der Abgeordneten Hoffmann und Schulz statt. Alsbald begann das mediale Ratespiel: Werden die Richter ein Veto einlegen oder nicht?

Und dabei zeigte sich sofort wieder die erkenntnistheoretische Einsicht: Man nimmt halt das wahr, was man wahrnehmen möchte. Für jemanden, der nun selber dabei wahr , in den erstaunlichsten Varianten. Der Tagesspiegel in Berlin schreibt: "Das Bundesverfassungsgericht bezweifelt die Nachprüfbarkeit der Neuwahl-Entscheidung." Das konnte man punktuell heraushören und das müsste man deuten: Wahlen!

Die S üddeutsche Zeitung aus München indes meldet auf ihrer Seite 1: "Die Richter gaben in der Verhandlung keine Hinweise darauf, wie ihr Urteil ausfallen könnte." Auch das entspricht meinem Eindruck, weicht aber von der Einschätzung des Tagesspiegels ab.

Die FAZ wiederum hält sich diskret beschreibend und vornehm aus der Spekulation auf das Ergebnis heraus. Das Hamburger Abendblatt war zwar selber nicht dabei, aber erkannte genau: "Die Richter sind uneins." Das muss ja nicht falsch sein, aber warum es richtig sein sollte, war jedenfalls aus der Verhandlung nicht unmittelbar abzuleiten. Nur, irgendetwas müssen Journalisten ja sagen, sonst müssten sie leider zugeben, dass sie nichts zu sagen haben oder wissen.

Am schönsten sind die Einschätzungen derer zu lesen, die weder Journalisten sind noch dabei waren. Wolfgang Thierse, der als Präsident des Bundestages – und damit eines der beteiligten Verfassungsorgane – eigentlich schon aus Achtung vor dem Gericht hätte dabei sein (oder vertreten sein) müssen, erkannte aus der Ferne, dass die Sache der Auflösung hinzu gewonnen hätte. Was sollte er auch anderes behaupten? Auch Ströbele weiß das nun genauer, er, der kürzlich selber in Karlsruhe eine traurige Figur machte, als es um den Europäischen Haftbefehl ging.

Also, kurz und gut: Zeige mir, was Du schreibst, und ich sage Dir was Du hören und sehen wolltest. Wie die Sache wirklich steht, dass muss man am Ende selber herausfinden, abzüglich der eigenen Vorurteile. Und jetzt zurück in den Wahlkampf – bis auf Weiteres; oder bis zum bitteren Ende!