Die ersten Geigen sitzen immer links vom Dirigenten, daneben die zweiten Violinen, dann die Violen, ganz rechts die Violoncelli und dahinter die Kontrabässe: Diese "amerikanische Sitzordnung" für Sinfonieorchester hat sich seit 1945 auch in Deutschland durchgesetzt. Doch sie spiegelt nicht nur eine musikalische Konvention wider, sondern offenbar auch die unterschiedliche Tonwahrnehmung der Musiker. Das hat Peter Schneider von der Neurologischen Universitätsklinik in Heidelberg herausgefunden.

Der Physiker und Kirchenmusiker testete über 400 Versuchspersonen, darunter viele Orchestermusiker, daraufhin, ob sie eher den Grundton oder die Obertöne eines Instrumentenklangs wahrnehmen. In einer schematischen Abbildung gruppierte Schneider die Probanden nach ihrer dominanten Tonwahrnehmung: "Interessanterweise stimmt diese Aufstellung mit der typischen Sitzordnung eines modernen Sinfonieorchesters überein."

Die Musiker, die vor allem den Grundton hörten, spielten meist Instrumente, die kurze, scharfe oder impulsive Klänge von sich geben. Dazu gehören Schlagzeug, Klavier und hohe Melodieinstrumente wie die ersten Geigen. Obertonhörer dagegen bevorzugten Instrumente, die ausgehaltene, lange Klänge produzieren, also tiefere Melodieinstrumente wie Celli. In diese Gruppe fällt auch die menschliche Stimme – Sänger hörten ebenfalls meist Obertöne. Die Dirigenten dagegen waren Grundtonhörer. Aber auch bei Nichtmusikern wies Schneider die unterschiedlichen Arten der Tonwahrnehmung nach; sie haben also nichts mit musikalischem Talent oder Training zu tun.

Um der Ursache für die verschiedenen Hörweisen auf die Spur zu kommen, vermaß Schneider bei etwa einem Fünftel seiner Probanden die Hirnrinde mit einem Kernspintomografen. Und tatsächlich entdeckte er Unterschiede im seitlichen Teil der Heschlschen Querwindung, der für die Tonverarbeitung zuständig ist. Bei den Grundtonhörern war er links stärker ausgeprägt, bei den Obertonhörern rechts (siehe Pfeile in der Abbildung).

"Die linke Seite ist eher für die zeitliche Verarbeitung von Tönen zuständig, die rechte für die Entschlüsselung von Frequenzen", erklärt der Forscher das Ergebnis. Menschen mit linkslastiger Hörrinde können also offenbar kurze Töne und komplexe Rhythmen besonders gut verarbeiten. Wenn der auditorische Kortex dagegen rechts stärker ausgeprägt ist, kann man den prägnanteren Obertonanteil längerer Klänge besser wahrnehmen.

Die Asymmetrie im Hirn könnte sich auch darauf auswirken, wie verschiedene Musiker das gleiche Instrument spielen, meint Schneider: "Ein Pianist, der vor allem Grundtöne hört, wird eher virtuos rhythmisch zu Werke gehen. Ein Obertonhörer dagegen wird auf dem Klavier besonders die langen Melodiebögen betonen." Der Wissenschaftler vermutet, dass die Wahrnehmungsunterschiede beim Komponieren ebenfalls eine Rolle spielen. "Für Strawinsky zum Beispiel stand der Rhythmus im Vordergrund, Schönberg interessierte sich mehr für die Klangfarben", erläutert der Forscher. Wie die Heschlschen Querwindungen der beiden Komponisten beschaffen waren, ist allerdings nicht bekannt.