Achtzig Jugendliche in der Hamburger Innenstadt, auf dem Gänsemarkt, ziehen sich an den Haaren, schubsen sich, schlagen sich die Gesichter ein, bis sie schließlich erschöpft zusammensacken. Fünf Minuten lang bleiben sie auf dem nackten Asphalt liegen. Einige von ihnen sind Punks, auf ihre Jeansjacken ist ein roter Stoffstern genäht, ihre Haare sind verfilzt, grün oder rot gefärbt. Andere scheinen der ökologischen Bewegung zu entspringen, tragen Strickpullis. Ein kräftiger Junge sitzt auf einer Empore, brüllt in ein Megafon: "Es ist das Jahr 2010. Die Menschen kämpfen um den einzigen Arbeitsplatz. Wer gewinnt, der darf 72 Stunden die Woche arbeiten und kriegt 1 Euro die Stunde." Er hat ein Banner entrollt. "Job Wars IV" steht drauf, im Hintergrund läuft die Filmmusik von Star Wars. Niemand von ihnen hat sich verletzt, sie haben lange trainiert, damit es aussieht, als würde es wehtun, sie haben geübt, um das trickreiche Ausweichen wie einen Volltreffer erscheinen zu lassen. Schließlich stehen sie auf, skandieren: "Weg mit Hartz IV!" Immer wieder. Es sind 15- bis 25-jährige Mitglieder der Linkspartei-nahen Jugendorganisation solid.

Einzelne Passanten sind stehen geblieben, mit Schirmen, es hat geregnet. Sie haben sich das Schauspiel amüsiert angesehen und sich dann schnell wieder in den umliegenden Fußgängerzonen verstreut. Polizeioberkommissar Krause, 49, wachte über die öffentliche Ordnung. "Wir haben das Gefährdungspotenzial als niedrig eingestuft", sagt er nach dem Schauspiel. Der untersetzte Polizist trägt einen mächtigen Schnauzbart, ist seit 30 Jahren im Dienst, erzählt, wie es einst zu heftigen Auseinandersetzungen kam zwischen Staatsmacht und Punks, vor allem in den Achtzigern. Die hier, die seien ganz höflich und hätten ja auch Recht, es gäbe kaum Jobs, und sein Sohn, der wisse ja auch nicht, wie er nach der Bundeswehrzeit einen Arbeitsplatz finden soll, und einen Flyer hat er sich geben lassen von der Jugend, die sich prügelte und die sich sozialistisch nennt. Pippi Langstrumpf ist darauf abgebildet, unter dem Bild steht: "Für eine radikale Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich." Die finde er gut, sagt Krause, diese kleinen Aktionen, die seien ein Anfang, und dann sagt noch, er wolle nicht, dass sein Vorname in der Zeitung erscheint, Krause, das gehe, Krause heiße hier jedermann.

Nach dem Tagesausflug nach Hamburg, dem "local action day", sind die jungen Linken wieder ins Camp gefahren. Mit dem Zug, die 60 Kilometer nach Einhaus, einem Dorf in Schleswig-Holstein, auf ihren kleinen, abgelegenen Zeltplatz. Es hat die ganze Woche geregnet; um im Ratzeburger See zu schwimmen, der sich an den Zeltplatz schmiegt, war es zu kalt. Jetzt reißt die Wolkendecke kurz auf. Marco Heinig, 23, aus Neubrandenburg läuft barfuß über die nasse Wiese, er ist ein wenig müde, er hat das Tagungsprogramm entworfen, das Camp organisiert, einige Veranstaltungen geleitet im großen Diskussionszelt. Es gab Wein (Chianti), es gab Bier (Oettinger), aber es wurde auch gearbeitet. In Seminaren sprachen sie darüber, dass das Brennen von CDs unfair sei, wegen der Musiker; warum Großkonzerne Arbeitsplätze ins Ausland verlagern und Kaffee fair gehandelt werden sollte. Die Geschichte der Arbeiterbewegung und die Gleichberechtigung der Geschlechter standen ebenfalls auf dem Programm.

Die Kapitalismuskritik – wer bringt sie nicht mit den Studentenprotesten der Achtundsechziger in Verbindung? Den fair gehandelten Kaffee – wer fühlt sich nicht an die Grünen der achtziger Jahre erinnert? Und auch die Insignien der Gruppenzugehörigkeit, die Punkfrisuren und die dicken Socken der ökologischen Bewegung, scheinen ein beharrliches Nischendasein zu führen. Links, denkt man kurz, war das nicht der Aufbruch in eine neue Welt, als junge Arbeiter im Wilhelminischen Reich um politische Partizipation kämpften? Oder als eine Generation sich radikal absetzte von den Eltern, den Mitläufern in der Nazizeit? Weshalb erscheint die linke Jugendwelt heute so altvertraut?

Marco Heinig, der in Berlin Geschichte und Philosphie studiert und der sehr neutral gekleidet ist, ein schwarzes Hemd, Jeans, die blonden Haare zum Zopf gebunden, sagt, er glaube nicht mehr an Lebensläufe wie die der Achtundsechziger. Damals, "als man glaubte, die Welt neu zu erfinden und dann den langen Weg der Anpassung vollzog, bis man sich schließlich einen Benz kaufte und genauso angepasst war wie alle andern." So wolle er nie werden, nie werden wie die Grünen. Und er habe keinen Anlass, seine Eltern zu bekämpfen, seine Mutter sei Kosmetikerin, und sein Vater arbeite bei einem Telekommunikationsunternehmen. Die linke Überzeugung sei keine Reaktion auf ein "miefiges Elternhaus", sondern auf die rechte Szene in Neubrandenburg, wo er aufgewachsen ist. Die müsse bekämpft werden, da sei er sich mit seinen Eltern einig. Links sein heute, sagt Marco Heinig, bedeute dennoch viel stärker als früher, seine politische Überzeugung "in sich selbst zu finden".

Das Feindbild vom Kapitalisten mit dicker Zigarre ist ausgestorben

Gegen einen Kapitalismus zu kämpfen, der alle individuellen Handlungsspielräume vernichte, sei schwierig. Der Feind sei unsichtbar geworden durch die Globalisierung. Es gebe nicht mehr den Kapitalisten mit dicker Zigarre, den man als Gegenbild habe. Viele seiner Freunde in Berlin machten Praktika in der Medienbranche oder in kleinen Start-up-Unternehmen. "Da wird sich dann geduzt, und es wird suggeriert, man sitze gemeinsam in einem Boot. In Wirklichkeit haben die Horden von Praktikanten nur wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt." Marco Heinig sagt solche Sätze sehr ruhig, sehr abgeklärt, er würde gern später im "politischen Bildungsbereich" arbeiten, er sagt, es werde schwer, einen Job zu finden.

Julian Plenefisch, 23, und Katharina Dahme, 19, sind ein Paar. Auf die Frage, ob er politische Idole habe, zuckt Plenefisch mit den Schultern. Er trägt einen Kapuzenpulli. Idole, nein, er grinst, er wisse, der Reporter lauere nur auf linke Klischees, erwarte als Antwort die sozialistischen Helden Karl Marx, Rosa Luxemburg oder Che Guevara. "Idole habe ich nicht mehr", sagt er, es gebe Menschen, die wichtig seien, klar, "wie Katharina", seine Freundin, die daraufhin etwas genervt mit den Augen rollt. Na ja, und natürlich sein Vater, durch ihn wurde er politisch. Er kam aus Baden-Württemberg, sei dann in den sechziger Jahren wegen des drohenden Militärdiensts nach Berlin gegangen. "Ein typischer Achtundsechziger", sagt Julian Plenefisch, noch heute verstehe sich sein Vater als Marxist, er sei in der Studentenbewegung gewesen, habe sich später dann als Lehrer in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft engagiert. Julian Plenefeld glaubt, dass die Linke derzeit zu Recht als Bewahrer von sozialen Errungenschaften wahrgenommen wird. Dass sie damit häufig als konservativ, als rückständig erscheint, das stört ihn nicht.