Seltsam, einem Buch zum zweiten Mal zu begegnen, das man vor einem halben Jahrhundert mit einiger Erregung gelesen hat, voller Grauen, in manchen Passagen voller Bewunderung, zuletzt mit einer Mischung von unwilligem Ekel und mäßigem Amüsement. Malapartes Romanreportage Die Haut über die amerikanischen Befreier in Neapel, die ein Jahr vor dem Kriegsepos Kaputt erschienen war, hatte uns durch die schiere Frechheit und seine moralistisch aufgeputzte Schamlosigkeit sozusagen über den Haufen gerannt. Italien und Neapel zumal, dachten wir mit einer Prise der Genugtuung, hatten bisher noch jede Besatzungsmacht korrumpiert.

Warum sollte es den Amis anders gehen? Lernten nicht auch wir die Überlebenslisten des Besiegten? Waren unsere Fräuleins, diese wahren Heldinnen der Nachkriegsepoche, nicht längst im Begriff, die harten Herren durch ihre unwiderstehlichen Mittel der Fraternisierung milder zu stimmen und zugleich auf sanfte Weise auszubeuten? Friedrich Sieburgs Entrüstung über die "Deutschfeindlichkeit" des treulosen Achsen-Genossen in seinem Ostfront-Epos Kaputt schien dem Autor dieser Zeilen und seinen Freunden allzu heftig aufzulodern. So ernst nahmen wir Curzio Malaparte nicht.

Wir wussten wenig von der abenteuerlichen Karriere und der schillernden Existenz des Deutschitalieners: nicht viel mehr als seinen angestammten Namen Kurt Erich Suckert, Sohn eines zugewanderten Sachsen und einer lombardischen Mutter, und wir hatten zur Kenntnis genommen, dass er als Kriegsreporter aus Polen, aus Russland, aus der Ukraine berichtet hatte. Nichts ahnten wir von seiner bewegten Jugend, den Erfahrungen an der französischen Front und in der Isonzo-Schlacht (sofern sie denn zutrafen), nichts von seinem frühen Engagement in der Bewegung Mussolinis, nichts von der enthusiastischen Imitation d’Annunzios, dieses Magiers der Geste, nichts von seinen Konflikten mit dem Italo Balbo, dem bärtigen Göring des faschistischen Regimes, die mit einer fünfjährigen Verbannung geahndet wurden: zunächst auf den Liparischen Inseln, dem berüchtigten Zwangsasyl, danach schon halbwegs komfortabel auf Ischia und schließlich in Forte dei Marmi, wo er – was für eine barbarische Strafe! – die Villa des einst so berühmten deutschen Bildhauers Adolf von Hildebrandt erwerben konnte.

Die Frucht eines Seitensprungs der Frau Mama

Die Wohltaten verdankte er seiner Freundschaft zum Außenminister Graf Ciano, der den Vorzug hatte, mit Edda, der Tochter des Duce, verehelicht zu sein. Nach der Befreiung, die er von seinem Adlerhorst auf Capri beobachtete, bemühte er sich – vergebens – um Anschluss an die Kommunistische Partei. In mancher Hinsicht drängt sich der Vergleich mit Arnolt Bronnen auf: Malaparte eilte nicht nur den Marschkolonnen der Ideologien voraus (und manchmal hinterher) – bemühte sich auch, die Reinheit seines Italienertums mit dem Geständnis zu akzentuieren, dass er keineswegs der Sohn eines Deutschen, sondern die Frucht eines Seitensprungs der Frau Mama gewesen sei – wie der deutsch-österreichische Skandal-Bruder sein Vollariertum durch die fleischliche Untreue der Mutter (auf Kosten des jüdischen Vaters) nachzuweisen versuchte.

Der Fall Bronnen fiel Lothar Müller nicht ein. Doch tausend köstliche Informationen danken wir dem Verfasser des Nachwortes der Neuauflage von Kaputt: ein glänzendes Porträt, inhaltsreich genug, um uns für die Qual des Wiederlesens ganz und gar zu entschädigen. Wohl rügt Müller zu Recht, dass in Sieburgs empörter Rezension die Schilderung des – von den Deutschen geduldeten, wenn nicht ermutigten – Massenpogroms der Rumänen an den Juden von Jassy nicht erwähnt worden ist. Nur ändert das nichts an der Einsicht, dass Malaparte kaum ein Augenzeuge der Schlächterei gewesen sein konnte, weil er sich zu jenem Zeitpunkt vermutlich nicht in Jassy aufhielt, leider (möchte man rufen), und sich darum auch nicht als der Retter und Wohltäter einer Hand voll von Geschundenen und Bedrohten beweisen durfte, als der er sich dem Publikum zu erkennen gibt.

Nein, das ändert nichts an dem Grauen, von dem er erzählt, wenngleich aus zweiter Hand. Und erst recht fiele der zweifelhafte Charakter der Zeugenschaft nicht ins Gewicht, wenn die entscheidende Frage, ob das, was er macht, Kunst ist oder nicht, lauthals mit einem Ja beantwortet werden könnte.

Literatur – nun ja. Die "kalkulierte Zweideutigkeit" und Malapartes Spiel mit der "Mimikry", die Müller ins Feld führt, widersprächen solchem Ehrgeiz gewiss nicht. Auch nicht die unbekümmerte Mixtur von Reportage, Essay und Fiktion, aus der sich eine neue Romanform ergeben könnte, wären die Partien ein wenig sorgsamer miteinander vernäht. Vielleicht widerlegen Malapartes gespenstische Wanderungen zwischen fein gestimmten Salongesprächen in schwedischen Schlössern und seinem brutalen Etappenrealismus, zwischen den Snobismen des gelackten Dandys und dem verzückten Zeugen verkommenster Unmenschlichkeit, zwischen dem entnervenden Namedropper, der mit jedem Großen dieser Welt in innigster Vertrautheit verkehrt (Hans Frank, den Vizekönig Hitlers in Krakau, nicht ausgenommen), und dem Kumpel der ärmsten Frontschweine, kein sprunghafter Wechsel von überdrehtem Bildungsgeschwätz zu banaler Verdrecktheit, von sensibelstem Ästhetizismus zu den niederschmetterndsten Taktlosigkeiten – nein, keines der widerspruchsvollen Elemente, die allesamt nichts anderes sind als Steigerungen der Kolportage, stünde der Behauptung im Wege, dass die Höchstform der Kolportage am Ende doch ein absurdes Kunstwerk ergeben könnte.