Warum reagiert die Weltfamilie so spät auf die Not in Niger? Wieso müssen erst die Bilder von sterbenden Kindern in unsere Wohnzimmer flimmern, ehe wir handeln? Liegt es an den verschlafenen Hilfsorganisationen? Oder an der unfähigen Regierung in Niger? Oder an den gleichgültigen Medien? BILD

Beginnen wir mit dem Versuch einer Erklärung an einem regnerischen Julitag in White City, der Fernsehstadt im Westen von London. Dort zerbricht sich gerade Kevin Bakhurst, Redakteur der Ten O’Clock News von BBC, über den G8-Gipfel in Gleneagles den Kopf. Diesmal geht es um ein Hilfsprogramm für Afrika, der Sender braucht footage , Anschauungsmaterial. Bakhurst ruft die Afrikakorrespondentin Hilary Andersson an. Man erörtert diverse Länder und Themen, Mosambik, Swasiland, Armut, Aids, Korruption. Auf dem Redaktionstisch liegen Agenturbilder aus Maradi, Niger. "Schreckliche Bilder", sagt Bakhurst. Sie zeigten Hungerkinder.

Johannesburg, 12.Juli. Hilary Andersson und ihre TV-Crew fliegen über Dakar in die nigrische Hauptstadt Niamey und erreichen sechs Tage später die staubige Stadt Maradi. Am 20.Juli, während der Hauptnachrichten um 22Uhr, kommt der erste Bericht in London an. "Wir ließen ihn sofort in den Ten O’Clock News laufen, mittendrin, ohne Schlagzeilen. Die Wirkung war gewaltig", erzählt Bakhurst. Die Bilder vom Hungertod reißen die Welt aus ihrer Gleichgültigkeit. Erst durch ihre Macht wird die Not zur Not.

Hamburg, 20.Juli. Nach einem dringlichen Hilfsappell der Vereinten Nationen bringt die Tagesschau die erste Wortmeldung von der Hungersnot. Zwei Tage später übernehmen die Tagesthemen die BBC-Features. Unterdessen ist auch der Afrikakorrespondent der ARD unterwegs nach Niger. Die gesamte Weltpresse macht sich nun auf, ein klassischer Fall von Rudeljournalismus. Am Sonntag, dem 24.Juli, machen die Tagesthemen mit Niger auf und präsentieren die ersten "eigenen" Hungerkinder. Jetzt ist die Not auch in Deutschland eine Not.

Kapstadt, 22. Juli. Um 10.10 Uhr geht im Afrika-Büro der ZEIT der erste Spendenaufruf ein, vom evangelischen Hilfswerk Diakonie-Katastrophenhilfe aus Stuttgart. Um 11.59 Uhr folgt ein Appell der Deutschen Welthungerhilfe aus Bonn. Warum war vor den BBC -Bildern nichts von den humanitären Organisationen zu hören? Wieso haben sie nicht schon im November 2004 Alarm geschlagen, als die Vereinten Nationen zum ersten Mal vor einer Hungersnot warnten, weil nach einer verheerenden Heuschreckenplage und viel zu geringen Niederschlägen eine Missernte absehbar war? "Damals hat der Tsunami alles überrollt, da hatte Afrika keine Chance", gibt Hannelore Hensle zu bedenken, die Leiterin der Diakonie-Katastrophenhilfe.

"Wir hätten unsere Augen stärker auf Niger richten müssen"

Und warum ist man im März 2005, nach der zweiten UN-Warnung, weiterhin passiv geblieben? Die Antwort besteht aus einigen Ähs und einem wenig überzeugend klingenden Satz: "Wir können nicht immer und überall tätig werden." Außerdem sei der weltweite humanitäre Dachverband "Kirchen helfen gemeinsam", zum dem ihre Organisation gehöre, seit 1985 in Niger aktiv; man baue zum Beispiel Getreidebanken auf, um das chronische Nahrungsmitteldefizit zu bekämpfen. Aber wie kann man gerade dann, wenn man am Ort des Geschehens präsent ist, die dritte Warnung der Vereinten Nationen im Mai überhören? Erst jetzt räumt Hannelore Hensle ein: "Vielleicht hätten wir nach der Heuschreckenplage das Auge stärker auf Niger richten müssen." Am Ende fügt sie noch hinzu, dass jede Spendenaktion erfolglos bleibe, wenn sie nicht von den Medien mitgetragen werde. Oder umgekehrt: Erst die dramatischen Presseberichte lösen karitative Wellen aus.