Die Ostdeutschen sind Kummer gewohnt. Dass einem Unternehmen in den neuen Bundesländern mangels Eigenkapital die Puste ausgeht, ist sozusagen Normalität und den Zeitungen oft nur noch eine Randnotiz wert. Doch bei der Insolvenz der Sächsischen Spezialitäten Hartmann GbR in Radebeul liegt der Fall anders.

Seit Wochen ist die Pleite des kleinen Unternehmens Top-Thema in den sächsischen Blättern, und auch die Landesregierung in Dresden hat sich der Sache angenommen. Denn es geht um ein Stück ostdeutscher Identität. Die Radebeuler Firma produziert Nudossi, das Ost-Gegenstück zu Nutella. Und die Nussnougatcreme mit DDR-Aroma weckt bei vielen Menschen in den neuen Bundesländern süße Erinnerungen an die wohlbehütete Kindheit im Sozialismus.

Zur Rettung der Traditionsmarke, die zurzeit unter Kuratel eines Insolvenzverwalters steht, ist so etwas wie eine Volksbewegung entstanden. Jeden Tag gingen Spenden von Nudossi-Fans ein, die das Unternehmen unterstützen wollten, sagt Manager Thomas Hartmann. "Die können wir aber natürlich nicht annehmen und überweisen sie wieder zurück." Im Internet-Gästebuch der Firma haben sich rund 500 Fans verewigt. Sie klagen über leer geräumte Nudossi-Regale in den Supermärkten und rufen zum Durchhalten auf. Dabei schwingt Trotz mit. "Es ist bitter zu sehen, wie einem ostdeutschen Unternehmen wieder mal das Wasser abgegraben wird", empört sich "Steffen". Auch Trittbrettfahrer hat die Insolvenz angezogen. Die Website www.rettet-nudossi.de gibt vor, Spenden für das schlingernde Unternehmen sammeln zu wollen. Das aber distanziert sich von dem dubiosen Inhaber der Seite, der angeblich in der Nähe von München wohnt.

In den ersten zehn Jahren nach der Wende wurde Nudossi nicht mehr hergestellt. Die Kunden griffen lieber zu anderen Brotaufstrichen. 1994 übernahmen die Unternehmer Karl-Heinz und Thomas Hartmann – Vater und Sohn – das ehemalige DDR-Kombinat Elbflorenz, das zu DDR-Zeiten Nudossi herstellte. Die Markenrechte kauften sie dem Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) ab, der sich den Namen für mögliche Programmvorhaben gesichert hatte.

1999 wurde die Produktion der Nussnougatcreme schließlich wieder aufgenommen. Im ersten Jahr erreichten die Hartmanns aus dem Stand einen Marktanteil von stattlichen 18 Prozent – zwischen Ostsee und Erzgebirge. Nun stehen die Produktionsanlagen still. Nudossi ist wieder Mangelware, wie seinerzeit in der DDR. Clevere Verkäufer haben beim Internet-Auktionshaus eBay die "letzte Reserve" ins Netz gestellt.

Nudossi ist freilich kein reines Ostalgie-Produkt. Anspruchsvolle Naschmäuler schätzen die Creme auch wegen ihrer hohen Qualität. Immerhin liegt der Haselnussanteil bei 36 Prozent und damit deutlich über dem vergleichbarer Produkte wie Nutella mit nur 13 Prozent. Auch ein Grund übrigens für die aktuellen Liquiditätsprobleme des Unternehmens. Denn die Preise für Haselnüsse seien in den vergangenen zwei Jahren exorbitant gestiegen, sagt Torben Erbrath, Verbandssprecher der Süßwarenindustrie. Schuld daran ist unter anderem eine schlechte Ernte in der Türkei, dem weltweit wichtigsten Lieferanten für Haselnüsse.

Dass Nudossi Zahlungsschwierigkeiten bekam, liegt möglicherweise aber auch an Managementfehlern. Kritiker werfen dem Unternehmen vor, sich übernommen zu haben. Der Vertrieb über ein Netz eigener Läden sei zu teuer und die Produktpallette zu groß. Neben der Schokocreme haben die Hartmanns auch Dresdner Stollen und zahlreiche andere Schleckereien im Programm. Hartmann bezeichnet seinen Betrieb jedoch als "von Haus aus gesund", Nachfrage sei vorhanden. Die aktuellen Probleme seien entstanden, weil die Banken die Kreditlinien "ständig gekürzt" hätten. Und gerade jetzt, da die Stollenproduktion anlaufe, brauche das Unternehmen frisches Geld.

Dem Insolvenzverwalter liegen etwa 20 Angebote von Unternehmen vor, die Interesse an Nudossi bekundeten. Das Dresdner Wirtschaftsministerium dringt auf eine "sächsische Lösung" und ist bereit, mit Fördergeldern oder einer Bürgschaft zu helfen, "falls ein tragfähiges Konzept vorliegt", sagt Sprecherin Martina Pirk. Unter den Kaufinteressenten sind mit dem Feinkosthersteller Christian Doerr und dem Backwarenproduzenten Dr. Quendt zwei Dresdner Traditionsunternehmen. Auch die Halloren-Schokoladenfabrik aus Halle, die mit den Halloren Kugeln bereits ein erfolgreiches Ostprodukt im Sortiment hat, bietet mit.