Deutschland ist "Medienrepublik" geworden. Wissenschaftler, Politiker und Journalisten sind davon überzeugt, dass das Fernsehen die Politik heute weit stärker beeinflusst als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. "Noch nie wurde die Meinungsbildung und damit die Wahlentscheidung so sehr vom Fernsehen bestimmt wie bei der vergangenen Bundestagswahl", hat der Medienwissenschaftler Hans Mathias Kepplinger in einer Langzeitstudie nachgewiesen. "Äußerlichkeiten, Vertrauen und Sympathie überlagern alles andere. Und genau diese Eindrücke bleiben beim Fernsehen hängen. Das setzt sich auch im aktuellen Wahlkampf fort."

"Shalom" – Döpfner hält Hof im Münchner Palais Montgelas

In einem Land, in dem unschöne Schweißflecken und schief sitzende Krawatten zunehmende Bedeutung für die Wahlentscheidung erlangen, schrumpft gleichzeitig die Zahl der Parteimitglieder: Die SPD hatte Anfang des Jahres 2005 nur noch 605000 Genossinnen und Genossen. In den siebziger Jahren waren es mehr als eine Million. Der CDU kehren ihre Mitglieder langsamer, aber genauso stetig den Rücken, während parallel dazu die Zahl von Protestwählern wächst. So konnten in den vergangenen Jahren bei Landtagswahlen extreme Parteien unerwartete Wahlerfolge erringen. Und dies immer unter Einsatz populistischer Parolen. Etwas Vergleichbares ist jetzt bei der neuen Linkspartei zu beobachten. Wenn es also ein offenbar stetes und sogar wachsendes Potenzial von Wählern gibt, das mit populistischen Thesen zu mobilisieren ist, und wenn gleichzeitig eine Zeitung mit Millionenauflage wie Bild damit seit Jahren reüssiert – warum sollte man nicht versuchen, die wachsende Nachfrage nach Populismus auch in den TV-Sendern zu bedienen? Und damit Quote zu machen?

Als Springer-Chef Mathias Döpfner am vergangenen Freitag das Podium betritt, bricht ein Blitzlichtgewitter los. Was will er? In dem mit Kronleuchtern, Spiegeln und goldenen Pilastern geschmückten Königssaal im Palais Montgelas des Hotels Bayerischer Hof in München beginnt er mit einem "Guten Tag und Schalom" als Reverenz an den Finanzier Haim Saban, von dem er die Sendergruppe gekauft hat. In den folgenden Minuten lässt sich Döpfner auch nicht durch die Frage aus der Ruhe bringen, welche Medienmacht der Konzern künftig entfalten werde. Die Fusion werde sich belebend auf den Wettbewerb auswirken. Immerhin gibt es noch einen anderen Riesen im Zeitschriften- und Fernsehgeschäft, den Gütersloher Bertelsmann-Konzern, der unter anderem über die RTL-Gruppe und Zeitschriften wie den stern verfügt.

Schon am frühen Morgen, in einer öffentlichen Telefonkonferenz mit Finanzmarktexperten, hatte sich Döpfner ein wenig anders angehört. Da beschrieb er die Medien und damit letztlich die Journalisten seines Verlags als "cultural sensitive piranhas". Er schätze diese Raubfische, weil sie sich im Team zusammentun würden, um ihre oft sehr viel größere Beute zu erlegen. Geld und politische Haltung passen offenbar – frei nach Bertolt Brecht – gut zusammen: Erst etwas zu fressen, dann die Moral. Döpfner liebt solche Provokationen.

Jene, die Döpfners Motive beschreiben, wollen ihren Namen meist nicht in der Zeitung lesen. Ihm Wohlgesinnte beginnen mit Sätzen wie "Mathias Döpfner ist charakterlich fest", ein "klassischer konservativ Liberaler", der "in Zeiträumen von zehn Jahren und mehr denkt, auch politisch. Er kann wie ein guter Kapitän auf dem weiten Meer ein weit entfernt liegendes Ziel ansteuern." Sein Sendungsbewusstein lasse sich aus seinen Leitartikeln herauslesen, die er hin und wieder für die Welt schreibe. In diesen Texten führt er aus, dass "die Idee von dem, wozu Unternehmen verpflichtet sind, so ausufert, dass die Grundlagen all dieses Handelns in Vergessenheit geraten: die Gewinnerwirtschaftung".

Die wollen ihre Muskeln zeigen, sagt Ex-"Bild"-Chef Udo Röbel

Allerdings arbeitet der Vorstandschef für einen Konzern, der diesen Gewinn nicht nur mit Sex, Crime und Sport, sondern auch mit politischer Berichterstattung und Meinung erzielt. Deshalb schließen sich Gewinnstreben und konservativer Journalismus nicht aus. Döpfner selbst schrieb beispielsweise in der Welt über die Haltung der Bundesregierung zum islamistischen Terror: "Was muss noch passieren, bis die europäische Öffentlichkeit und das politische Führungspersonal realisieren: Es herrscht eine Art Kreuzzug gegen unsere freien, offenen, westlichen Gesellschaften." In einer seiner wenigen schriftlichen Äußerungen über Gerhard Schröder schrieb er 1999, der SPD-Bundeskanzler sei ein "Spaßhannes". "Aus einer Klamaukfigur" werde "nie mehr eine Respektsperson".

Kritiker wie Udo Röbel, Bild- Chefredakteur von 1998 bis Ende 2000, sieht eher wirtschaftliche Ambitionen als politisches Machtstreben bei Springer. Die Generation, die jetzt im Unternehmen das Sagen hat, nennt Röbel "die Winner-Generation": um die 40 oder knapp darüber, zwar irgendwie konservativ, aber nicht ideologisch. Nicht um eine Mission gehe es Leuten wie Diekmann, sondern darum, "zu zeigen, wer die Kerle mit den dicksten Muskeln sind". Außerdem glaube er nicht, "dass diese Leute Sendungsbewusstsein haben. Die wollen mitspielen, die sehen das als große Spielwiese. Döpfner gefällt sich als Global Player."