Dafür nimmt Springer einiges auf sich. Der ehemalige Vorstand Claus Larass schreibt im Handelsblatt, das wie die ZEIT zur Verlagsgruppe Holtzbrinck gehört, über Friede Springer: "Ausgerechnet jetzt gerät sie in einen schwer wägbaren Sog." Denn sie hat zugestimmt, dass ihr Konzern schwindelerregende drei Milliarden Euro Schulden anhäuft, um die Übernahme von ProSieben, Sat.1, kabel eins, N24 und 9Live zu stemmen. Den Kredit hat der Springer-Konzern bei der Deutschen Bank und der Credit Suisse First Boston aufgenommen. In dieser Summe ist zunächst der Kaufpreis von 2,45 Milliarden Euro für die Anteile der amerikanischen Finanzinvestoren enthalten. Außerdem will Springer die bestehenden Nettoschulden beider Unternehmen neu finanzieren. Larass sieht darin eine Abkehr vom Zeitungsgeschäft und zieht Parallelen zum Märchen vom Hans im Glück: "Der tauschte einen Klumpen Gold so lange, bis er nur noch einen Feldstein auf seinen Schultern trug und trotzdem glücklich war."

Noch kostspieliger könnte die Übernahme werden, wenn alle Kleinaktionäre der ProSiebenSat.1 Media AG ihre Aktien an den Springer-Konzern verkaufen. Dem Aktiengesetz folgend, hat Springer ein öffentliches Angebot an alle gemacht, hofft aber, dass die meisten Anteilseigner lieber auf künftige Kurssteigerungen setzen, als heute Bares zu nehmen. Wenn jedoch wider Erwarten alle Kleinaktionäre aussteigen sollten, würden noch einmal bis zu 1,25 Milliarden Euro Kredit fällig. So würden sich die Übernahmekosten auf 4,15 Milliarden Euro addieren, die dadurch gemindert werden sollen, dass der Konzern im nächsten Jahr womöglich stimmrechtslose Aktien ausgibt.

Die Zinsen, über deren Höhe die Beteiligten schweigen, und die Rückzahlung der Milliardenkredite muss der Vorstand um Döpfner aus den laufenden Gewinnen bestreiten. Für das laufende Jahr wird der Gewinn auf 680 Millionen Euro vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen geschätzt. Insofern ist die Übernahme ein durchaus riskantes Unterfangen, denn die Werbeerlöse im Fernsehgeschäft sind seit dem Jahr 2000 um etwa 20 Prozent gesunken. Tendenz weiter fallend.

Genau die gleiche Entwicklung haben die Auflagen der wichtigsten Titel im Springer-Verlag genommen (Bild, Bild am Sonntag, Hörzu) . Zwar stiegen die Gewinne dank höherer Preise am Kiosk, vor allem bei der Bild durch ein gestiegenes Anzeigenvolumen der Handelsketten und eine Reihe Nebengeschäfte, von der "Volksbibel" bis zum "Volksbausparen". Gleichwohl machen es die strukturellen Abwärtstrends in der Presse wie im Fernsehen zu einer schweren Aufgabe, mindestens drei Milliarden Euro an Krediten zurückzuzahlen.

Bei alldem bleibt Döpfner Optimist. "Wir werden sicher drei Jahre brauchen, bis wir uns nach einem neuen Fisch umsehen", scherzte er vergangene Woche in Anspielung auf seine Piranha-Metapher. Er ließ dabei offen, ob der nächste Fisch ein weiteres Medienunternehmen oder nicht doch ein politischer Fisch sein wird.

Der Dortmunder Medienökonom Horst Röper scherzt nicht. Er findet die Entwicklung bedrohlich: "Die Sicherung von publizistischer Vielfalt ist immer eine Vorsorge. Bloß weil wir heute keine konzertierte Aktionen von Zeitungen und Fernsehen kennen, sollten wir die Gefahr für unser politisches Leben, die künftig davon ausgehen könnte, nicht unterschätzen."

Derweil ist man im Bundeskanzleramt zu der Überzeugung gekommen, der Springer-Konzern sei einem ausländischen Investor, etwa dem australisch-amerikanischen Medientycoon Rupert Murdoch, als Käufer von ProSiebenSat.1 allemal vorzuziehen. Deshalb hält man sich vornehm zurück. Auch der Spiegel, einst das "Sturmgeschütz der Demokratie", beschäftigt sich, wenn überhaupt, nur mit den wirtschaftlichen Aspekten des Deals, den Risiken für Friede Springer.

In den nächsten Monaten wird Kartellamtspräsident Ulf Böge mit seinen 300 Juristen die Lage beraten. Er ist ein politischer Kopf. Angefangen hat seine Karriere unter dem Liberalen Walter Scheel, heute sitzt seine Behörde im ehemaligen Bonner Bundespräsidialamt. Böge liebt die Kunst, zeitgenössische Malerei, vor allem wenn sie in den Farben Gelb und Blau, den Farben der alten Wettbewerbshüter von der FDP, daherkommt. Böge stellt klar, dass sein Amt allein ein wirtschaftliches Kartell zu verhindern habe. Die politische Macht von Springer darf für ihn keine Rolle spielen. Er hat, mag er denken, die falschen Instrumente an der Hand.

Mitarbeit: Georg Etscheit, Michael Schwelien