Sinnlos, all dies jetzt anführen zu wollen. Ich stand eindeutig unter Verdacht, erstens, aus reiner Blödheit den mühseligen Vorgang des Sicherheitschecks zu verzögern und, zweitens, vielleicht doch mit üblen Absichten bewaffnet gewesen zu sein. Bloßgestellt und gedemütigt ließ ich mein Spartan ohne jeden Protest zurück und versteckte mich im hintersten Winkel des Warteraums.

Am 8. Juli 2001, auf einem Zwischenhalt von Madrid nach Miami, kaufte sich der Messerfetischst Mohammed Atta im Flughafen Zürich, wie unzählige Reisende vor ihm, zwei Schweizer Offiziersmesser der Firma Victorinox, das belegten später Kreditkartenrechnungen. Kurz darauf sollte das nicht mehr möglich sein, denn zwei Monate später bestieg er ein Flugzeug in Boston und entführte es, bewaffnet jedoch mit einem gemeinen Teppichmesser, in die Türme des World Trade Center in New York. Seitdem dürfen keine noch so kleinen Messer im Handgepäck mitgeführt werden, und seither muss sich, zum ersten Mal in der Firmengeschichte der Messerschmiede Victorinox in Ibach, Schweiz, ein Karl Elsener – es ist der vierte – mit einem Verkaufsrückgang auseinander setzen.

Ibach ist ein Vorort von Schwyz, dem Hauptort des gleichnamigen Kantons im Herzen der Schweiz, und was sich von dieser Gegend an Erfreulichem betonen lässt, ist ihre Nähe zu den Bergen und einigen kühlen Seen. Aber diese Agglomeration am Fuß des Großen und des Kleinen Mythen heißt jetzt, nach einer gewagten Marketingaktion, Swiss Knife Valley. Und allein daraus mag sich erschließen, wie groß die Verzweiflung der Verantwortlichen war, als die Verkaufszahlen ihres Erfolgsprodukts nach dem 11. September plötzlich um 30 Prozent zurückgingen. Denn bis dahin hatte es die Firma kaum nötig gehabt, Werbung zu machen. Ihre Messer, vielfältig und legendenumrankt, verkauften sich wie von selbst; ihr Gebrauch schmiedete Generationen zusammen, und einige ausgefallene Exemplare, in kleiner Auflage gestreut, entfachten eine weltweite Sammlerwut.

In Amerika, Massachusetts, härtete John Russel das berühmte Green River Knife, das Jagdmesser der Trapper und Fallensteller. Die Franzosen besaßen ihre königliche Messerschmiede in Langres, die Engländer in Sheffield. Solingen in Deutschland war voll von Klingenschmieden, Härtern, Schleifern und Schwertfegern, die ihre Messer mit den bekannten Silberbuckeln in alle Welt verkauften. Und nichts, aber auch gar nichts, deutete daraufhin, dass ein kleiner Handwerker aus Ibach im Kanton Schwyz das Messer aller Messer schaffen würde, die multifunktionale Veredelung aller Männerträume seit der Steinzeit.

Karl Elsener selber, Karl Elsener der Vierte, erwartet mich im Fabrikgebäude der Victorinox, 920 Angestellte vor Ort, die jährlich 2400 Tonnen Stahl zu 700 verschiedenen Haushalts,- Berufs- und Taschenmessern verarbeiten, kein Arbeitsgang ist ausgelagert nach China oder Brasilien, selbst ihre Maschinen stellen die Leute in Ibach selbst her, und in kleinen Arbeitspausen entspannen sich die Arbeiter nach den Methoden der Alexandertechnik.

1884, nach Jahren der Wanderschaft, in denen er sich, sowohl in Frankreich wie in Deutschland, mit den Geheimnissen des Rasierwerkzeugs vertraut gemacht hatte, eröffnete Karl Elsener der Erste in einer ehemaligen Mühle am Tobelbach in Ibach seine eigene Messerschmiede. Als der Firmengründer feststellte, dass die Schweizerische Militärverwaltung ihre Soldatenmesser aus dem deutschen Solingen bezog, fühlte er sich in Ehre und Geschäftssinn gekränkt und schlug ein eigenes Produkt vor. Die Anstrengung brachte ihn an den Rand des Ruins, doch er erhielt den Armeeauftrag. Dann schuf er ein leichteres Messer mit einer zusätzlichen Klinge, mit Bohrahle, Dosenöffner, Schraubenzieher und Korkenzieher, das "Schweizer Offiziersmesser". Dieses allerdings wurde von der Schweizer Armee nie benutzt, wie mir Karl Elsener der Vierte jetzt gesteht, aber es bildete das Grundmodell für alle künftigen Generationen, Modell 1-36-3.

"Und das Klicken gehörte auch schon dazu", fügt Karl Elsener bei, "das charakteristische Klicken, wenn die Klingen einschnappen. Ohne das Klicken ist es kein Victorinox."