Es war das Standardmodell 1.3603, Spartan, große Klinge, kleine Klinge, Korkenzieher, Dosenöffner, Zahnstocher und Pinzette – alles, was man zum Überleben braucht. Natürlich hätte unter Umständen auch ein Fischentschupper mit Angellöser, wie ihn etwa das SwissChamp, Modell 1.6795, mit sich führt, praktisch werden können. Lange Erfahrung hat mich aber gelehrt, dass diese Umstände praktisch nie eintreffen. Ich hatte also, wie immer, das einfache Schweizer Offiziersmesser bei mir, 91 mm lang, mit dem üblichen Schweizerkreuz auf der roten Polyamid-Hartschale und der Firmenaufschrift auf der Klinge, die Gewähr dafür, dass es sich nicht um eine billige chinesische Kopie handelt. Sondern um den einzig garantiert rostfreien Begleitservice für den unternehmungslustigen Mann, ein Markenzeichen der Zuverlässigkeit in allen Lebenslagen: das Swiss Army Knife der Messerschmiede Victorinox in Ibach, Kanton Schwyz.

Deshalb also führte ich Spartan mit mir, aus reiner Gewohnheit. Für irgendetwas war es immer brauchbar, manchmal auch nur als Geschenk. Ich ging jedoch nie so weit wie ein Schweizer Bekannter, ein Fotograf, der seine Messer, wenn er irgendwo in fernen Ländern einen treuen Bediensteten gefunden hatte, nur unter Tränen verschenkte und behauptete, dies sei seine persönliche, vom Großvater vererbte Dienstwaffe.

Dabei ist das Messer allein schon ein Mythos, dem es auf geheimnisvolle Weise gelingt, auch seinen Besitzer zu veredeln. Das geht aus den zahlreichen Geschichten hervor, die unter dem Titel True Stories auf der Homepage der Firma Victorinox nachzulesen sind. Da bestieg eben erst ein Herr Faforke, ausgerüstet mit dem Modell 1.3705, eingebauter Höhenmeter, den Kilimandscharo. Glücklich darüber, dass sein Taschenmesser sich nur gerade um zwei Meter verrechnet hatte, 5897 Meter statt 5895 Meter, schenkte er es "seinem stolzen afrikanischen Bergführer Joseph, der es mit dem strahlenden Gesicht eines Kindes an Weihnachten entgegennahm".

Nur zwei Meter Abweichung auf dem Kilimandscharo

Bedenkt man nun allerdings, wie viele Expeditionen der stolze Joseph wohl schon auf den Kilimandscharo begleitet hat und wie viele zufriedene Kunden im Höhenrausch sich ihr gutes Herz für den edlen Wilden bestätigen wollten, kann man davon ausgehen, dass es Joseph längst nicht mehr wagen kann, seinen Kindern zu Weihnachten ein Schweizer Armeemesser zu schenken. Genauso wie es, rings um den Erdball verstreut, unzählige Indianerhäuptlinge, Nomadenführer und Tauchlehrer geben muss, die unvorstellbare Reserven an Schweizer Taschenmessern angehäuft haben, weil ihnen nach bestandener Gefahr so mancher seine unverbrüchliche Freundschaft angedreht hat.

Diese Vorräte werden ihnen nun nützlich sein. Denn so bald werden sie möglicherweise kein neues Schweizermesser bekommen.

Die Sicherheitskontrolle am Fughafen Charles de Gaulle in Paris beschlagnahmte mein Spartan und gab es nicht zurück. Es hatte, bereit für einen Notfall, der nie eintreffen würde, in einem Nebenfach des Toilettenbeutels gelegen. Und der befand sich im Handgepäck. Am Flughafen in Zürich war mein Gepäck, wohl dank dieser einzigartigen schweizerischen Mischung aus Neutralität, Heimatschutz und Geschäftssinn, unbehelligt geblieben. Die Franzosen aber, bei der Zwischenlandung, pflückten nach der elektronischen Durchleuchtung meinen Rucksack heraus, griffen sich das Messer mit Plastikhandschuhen und beschlagnahmten es finster, und jeder Widerstand wäre wenig ratsam gewesen. Denn die Sympathien der Mitpassagiere lagen eindeutig auf der Seite des Sicherheitspersonals. Mit einem Schlag lag Feindseligkeit in der Luft, die Leute wichen zurück, als hätte ich eine ansteckende Krankheit. Und nicht ein Schweizer Offiziersmesser, das uns allen vielleicht sogar das Leben retten könnte.

Wie eben erst geschehen, als in einem Privatflugzeug unvermittelt der Strom ausfiel und ein Passagier kühn zu seinem Victorinox Midnite-Manager griff, Klinge, Schere, Kugelschreiber, eingebaute Leuchtdiode, und den Piloten im Dunklen das Armaturenbrett erleuchtete, was denen wiederum eine sichere Landung ermöglichte. Gerade wegen derartiger Vorfälle sprechen nicht wenige Männer von der "dritten Hand", wenn sie von ihrem Schweizer Taschenmesser reden.