Der Kuhstall ist gefegt, die Wolldecken sind gelüftet. Bauer Hagen hat die Fenster poliert und Lichterketten ums Stallgebälk gewunden, "die Pilger sollen es ja gemütlich haben". Wo sonst Zuchtrinder überwintern, werden bald 55 Litauer nächtigen. Karl-Hubert Hagen hat Bier gekühlt und Milchkannen als Mülleimer neben die Stalltür drapiert: Jetzt ist er gerüstet für die Invasion der Jungchristen.

Denn am Dienstag beginnt das große Glaubensfest – der Katholikennachwuchs trifft sich zum Weltjugendtag in Köln. Bis zu 800000 Christen werden sechs Tage lang beten, feiern, beten. Über die Lokalpresse fahndete das Jugendtagsbüro nach kostenlosen Schlafstätten. Nun bieten Gemeinden ihre Festsäle an, Ikea öffnet ein Parkhaus, Harald Schmidt sein Fernsehstudio. 320000 übernachten in öffentlichen Hallen – und 91000 im privaten Heim.

Auf dem Hof der Hagens in Bergisch Gladbach etwa ackert das halbe Viertel fürs Gästeglück. Der Strickkreis der Ehefrau kocht Marmelade ein. Nachbarn haben die Mistkuhle hinterm Stall gereinigt. Sie wollen dort eine Warmwasserdusche aufstellen.

Eine Busladung Christen im Kuhstall, das war die Idee der Bäuerin. Im Plausch mit dem Pastor versprach sie das Quartier. So wohnen die Litauer, vom Viehzeug beäugt. Hühner spazieren um die Pilgerherberge, Kälbchen drängeln sich am Weidezaun. Bauer Huber fürchtet, die Fremden könnten enttäuscht sein von solch ländlicher Schlichtheit. So müht er sich um Komfort im Detail. Zwischen die Stallpfosten möchte er noch Wäscheleinen spannen, "falls einer seine nassen Socken aufhängen will". Er hat mit dem Jugendtagsbüro gefeilscht, bis es ihm drei Dixie-Klos zusagte statt des geplanten einen. Außerdem hat er einige Litauer aus dem Ort als Dolmetscher eingeladen. "An einem Abend feiern wir am Lagerfeuer auf der großen Weide." Der Panoramablick soll die Pilger entschädigen für das Kuhdungaroma im Stall: Von der Wiese aus schauen sie über die Kölner Bucht, auf die Türme des Doms und die Dächer der Altstadt.

Mit Rundumsicht kann Susanne von Loë nicht aufwarten. Dafür schlafen ihre sechs Pilger in tausend Jahre alter Noblesse – der Wasserburg Lede in Bonn. Hortensien ranken die Trutzmauern empor, Steinbrücken überspannen den Wassergraben. "Unsere Tochter hatte gerade Kommunion, da war es für uns selbstverständlich, Besucher aufzunehmen. Wir haben ja reichlich Platz", sagt die Freifrau und führt durch ihre Festung. In den Fluren hängen die Ahnen in Öl.

Die Tochter hat ihr Schlafgemach geräumt. Dort ruht der Gläubige in einem Mix der Epochen: Popbandposter kleben neben alten Stichen. Auf dem historischen Frisiertisch liegt ein Plüschlöwe. Gedrechselte Pfosten begrenzen das 150 Jahre alte Bett, ein Quartier eher für den zierlichen Gast. "Früher waren die Menschen kleiner. Da hat so ein 1,70-Meter-Bett völlig ausgereicht", sagt Ferdinand von Loë. Die Hünen unter den Pilgern beherbergt er lieber im modern möblierten Gästezimmer unterm Dach. Ohnehin hoffen die von Loës auf robuste Jungchristen. "Denn ein Leben auf einer Burg hat zwei Seiten", sagt der Freiherr. Nachts huschen in den Gemächern Mäuse umher. Schleiereulen schreien im Dickicht des Parks. Und viele Holztreppchen trennen den Müden und sein Bett.

"Bei mir muss niemand steigen, ich habe genug Raum im Erdgeschoss", sagt Walter Asmuth, "und in der Behindertenwerkstatt nebenan ist sogar ein rollstuhlgerechtes Bad." Der Maler Asmuth bietet als Schlafstätte die Alte Lederfabrik am Kölner Stadtrand an.

Bis 1974 wurden hier Tierfelle gegerbt. Heute ist die Fabrik ein Künstlertreff. Zeichner, Bildhauer und Bronzeschmiede werkeln in kreativer Eintracht. Der Chef der Hallen ist Walter Asmuth. Er trägt Pferdeschwanz und Wallebart und schafft in einer Minute den Gedankensprung vom Zölibat über den Urknall bis hin zu den selbstbackenden Brötchen, die das Jugendtagsbüro jedem Gastgeber anliefert. "Ich muss nur die Folie aufreißen, und in 24 Stunden sind die Brötchen knackfrisch – allein durch die frische Luft." Unnützer High Tech, sagt der Künstler. Auch der Bäcker im Viertel hätte gern vom Pilgerboom profitiert. Schließlich braucht Asmuth die Brötchen gleich körbeweise: 80 Polen sollen in der einstigen Ledertrockenhalle die Schlafsäcke ausrollen. Sie campieren auf fußbodenbeheiztem Estrich. Quer in der Halle hat Asmuth Trennwände aufgestellt, "so haben die Gäste ein bisschen Intimität".

Das Frühstück serviert er dann im Atelier. So speisen die Pilger in grellbuntem Dekor. An der Decke baumeln Skulpturen, vor den Wänden drängen sich Staffeleien. Ein Ort der Kunst, doch nicht unbedingt ein Hort der Stille: An der Frontseite liegt Schäferhundmischling Alf und nagt an einer Rinderelle. Graupapagei Bobby kreist im Hallengebälk. Er schätzt Gäste, "Bobby hat Hunger", ruft er dann. "Die Pilger sollten ein bisschen tierlieb sein", sagt Asmuth. Ansonsten hofft er auf gesprächige Jungchristen. "Wie sehen Gläubige aus aller Welt den Papst, Jungfrau Maria, die 68er – das möchte ich erfahren."

Jakob Röllgen interessiert das weniger. Er hat extra um eine Busgruppe statt Einzelpilgern gebeten, "dann können die sich selbst beschäftigen". Röllgen züchtet Zierpflanzen. Hunderttausende Dahlien und Geranien reihen sich in den Gewächshäusern seiner Gärtnerei in Köln-Weiler. "Wir bieten Dauergrabpflege" wirbt das Eingangsschild. Für den Katholikennachwuchs räumt Röllgen jetzt die Kühlhäuser leer. Winters lagern hier Narzissenzwiebeln, nächste Woche italienische Pilger – in vier Bauten gegenüber dem Erdbeerbeet. Blütenpollen umwölken das Christenlager. Nur Isomatten polstern den blank geputzten Beton. Kein Tageslicht dringt ins Kühlhausinnere. Die Gäste ruhen im Taschenlampenschein. Die kargen Zellen offenbaren, dass Bauer Hagen sich grundlos sorgt. Ein Bett im Kuhstall – das ist schon ein Komfortquartier.

Auskunft: Tel. 0221/4920051, www.wjt2005.de