Heute (17.8.) dominiert eine einzige CDU-Personalie die Meinungsseiten: Die Benennung des Steuerrechtlers Paul Kirchhof als Finanzexperte in Merkels B-Team. Allenfalls Saarlands Ministerpräsident Peter Müller, von Merkel vorgesehen als Mann für Arbeit und Wirtschaft, findet noch ein wenig Aufmerksamkeit. Jedoch nicht allzu positive. (FAZ) . Parallel dazu zeigt Angela Merkel mit ihrem kleinen Coup "den Willen, im Wahlkampf inhaltlich scharf zu polarisieren" (Financial Times Deutschland, FTD). Besonders erfreut von der Nominierung zeigt sich die WELT, sie hört ein Signal: "Dass über den vielen Spiegelstrichen der Programme sich doch eine weiter gefasste Skizze und Idee zu wölben hat, vom Sinn der Freiheit und vom Wert der Familie."

Den Kommentatoren erscheint es wahrscheinlich, dass Kirchhof die kommenden Wochen nutzen wird, "um das finanzpolitische Profil der Union in seinem Sinne zu schärfen und so ein paar Pflöcke für die Zeit nach der Wahl einzuschlagen"

Wesentlich kritischer sehen die Wirtschafts- und Finanzzeitungen die Nominierung von Kirchhof und Müller: "Bei aller Fachkenntnis, mit der sie glänzen, sind die beiden zu schmal aufgestellt: Kirchhof nimmt man den Steuerexperten ab, aber nicht den künftigen Finanzminister. (...) Müller wäre aus CDU-Sicht ein guter Sozialminister, aber als Ordnungspolitiker brilliert er nicht..." ( Handelsblatt ). Daher sei die Berufung Kirchhoffs "eher ein politisches Statement als die überzeugende Lösung eines Personalproblems" ( FTD ).

Eine ganz andere Überlegung zur Berufung Kirchhofs betrifft die Außenwahrnehmung der FDP und das Verhältnis der CDU zu Reformen. Denn eigentlich passen Kirchhofs Vorschläge für eine radikale Vereinfachung des Steuerrechts und seine Absage an eine Mehrwertsteuererhöhung mehr zur FDP als zur Union. Die Freidemokraten wären gern die moderne und kraftvolle Reformpartei, die in einer Bundesregierung wirtschaftspolitische Impulse freisetzt. Mit dieser Rolle bewirbt sich die FDP.

Spätestens jedoch mit dem Bericht der Herzog-Kommission und dem Eintreten Merkels für die Kopfpauschale im Gesundheitssystem (mit der ein Ausgleich zwischen Arm und Reich von den gesetzlichen Versicherern auf den Staat übergehen soll) hat sich das Bild der CDU gewandelt. Veränderungen und Reformen scheinen seitdem auch mit einer eigentlich konservativen Partei möglich zu sein. Die neue Verbindung von Kirchhof und der Union könnte also zu Lasten der FDP und damit, so kann’s gehen, zu Lasten von Schwarz-Gelb fallen.

Möglicherweise hat die Nominierung ein weiteres Ziel. Kirchhof lieferte einst die Blaupause, nach der Friedrich Merz ein Steuerkonzept zeichnete. Als dieses verwässerte, gab er es wieder auf. Im Herbst 2004 trat Merz von seinen Ämtern zurück, sein Verhältnis zur Kanzlerkandidatin Merkel gilt seither als zerrüttet. Viele Unionsmitglieder jedoch wünschen sich den "Edel-Dissidenten" (FTD) nach der Wahl in ein Ministeramt. Vielleicht wird mit Kirchhofs Nominierung auch nur der Plafond für einen Minister namens Merz geebnet.