Gleich einer atonalen Komposition, quält dieser Wahlkampf die Zuhörer im ganzen Land. Ein paar dissonante bayerische Noten, mehr nicht. Was ist das Herzensthema der leisen Chefharfenistin? Und dann endlich ein wenig Krach – der Mann an der Pauke: Gerhard Schröder hält die von Bush annoncierte "letzte Option", Irans Kernwaffenpläne mit Gewalt zu verhindern, für "hochgradig gefährlich".

Das Publikum wacht auf, ein ernstes Thema. Was sagt die Opposition dazu? Erst zetert sie, klagt Bündnistreue ein, dann stimmt sie zu. Schröder habe Recht, Europa solle weiter ohne militärische Drohung mit den Mullahs verhandeln. Ende der Debatte? Nicht wirklich; denn die iranische Atombombe wird es irgendwann geben – ob in fünf Jahren oder in zehn.

Das hochherzige Friedensprojekt von 1970, der Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen, ist zu einem historischen Dokument verkümmert. Iran kann den Vertrag mit einer Dreimonatsfrist kündigen wie ein Untermieter seine Mansardenwohnung. Die Mullahs müssen dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen lediglich erklären, dass "eine Gefährdung der höchsten Interessen ihres Landes eingetreten ist". Die Drohungen aus Amerika dürften ausreichen.

Wolfgang Schäuble glaubt zwar, Schröder ermutige die Iraner zum nuklearen Bombenbau, weil er den "fatalen Eindruck erweckt, dass die Weltgemeinschaft nicht geschlossen ist". Doch was heißt hier "geschlossen"? Sie ist sich, geht es um die Zukunft der Kernwaffen, schon längst nicht mehr einig. Im Gegenteil.

Den ersten Beweis dafür lieferte die Regierung George W. Bushs bereits vor fünf Jahren, als sie sich weigerte, den Atomtest-Sperrvertrag (entgegen Clintons Zusage von 1996) zu ratifizieren. Das widersprach Artikel 6 des Nichtverbreitungsvertrags. Der Abrüstung amerikanischer und russischer Nuklearsprengköpfe stehen inzwischen neue amerikanische atomare Aufrüstungsprojekte gegenüber – und ein Verteidigungshaushalt für 2006, der mit rund 500 Milliarden Dollar kosmische Dimensionen hat. Aus dem kontinuierlichen UN-Gespräch zur Pflege des Atomsperrvertrags hat sich Washington verabschiedet. Auf die New Yorker Fünfjahreskonferenz im Mai schickte das State Department Beamte des mittleren Dienstes. "Eine Katastrophe", fand der deutsche Außenminister.

Dass die Supermacht kein Interesse daran hat, den Club der acht Atommächte zu erweitern, ist verständlich und richtig. Richtiger wäre freilich weitere Abrüstung. Das Gegenteil geschieht. George W. Bush hat nach dem Schock des 11. September 2001 verkündet, er werde verhindern, dass eine andere Nation Amerikas Rüstungsvorsprung einholt. Das hat jene Länder nicht beruhigt, die auf der amerikanischen Liste der "Schurken-Staaten" landeten, zum Beispiel Nordkorea und Iran.

Die Diktatoren dieser Länder wissen eines ganz genau: Hätte der Irak wirklich über Massenvernichtungswaffen verfügt, säße Saddam Hussein immer noch in einem seiner Paläste. Die Lehren, die sie aus dem Irak-Krieg ziehen, sind darum nicht schwer zu erraten. Mit dem Faustpfand einer einzigen, gut verborgenen Nuklearwaffe lassen sich selbst atomare Großmächte in Schach halten. Weil das so ist, scheint die Aufrüstungsspirale nicht mehr aufzuhalten zu sein – weder in Nordkorea noch in Iran.

Die Furcht, dass eine Atombombe in den Besitz von Terroristen geraten könne, ist berechtigt. Doch um sie zu bannen, hätte es ernsthafterer Abrüstungspolitik in der Vergangenheit bedurft – und einer Antiterrorstrategie, die nichts gemein hat mit dem haltlosen war on terrorism der Regierung Bush. Er hat jenen Terroristen im Irak eine neue strategische Basis beschert, die sie zuvor nicht besaßen. Die Langzeitfolgen des amerikanischen Einmarsches im Irak werden immer sichtbarer. Attentäter bestimmen in dem ruinierten Land die politische Tagesordnung. Religionsführer beherrschen die Verfassungsdebatte. Der Rückzug der amerikanischen Truppen ist nur noch eine Frage der Zeit – nach Bushs und Rumsfelds Abschied aus ihren Ämtern.

Washingtons militärische Kompetenz reicht nicht mehr aus, um das Regime in Teheran ernsthaft zu beeindrucken. Amerikas "letzte Option", also Krieg, ist keine mehr. Die nächste Bundesregierung wird in dieser außenpolitischen Ruinenlandschaft made by Bush neue strategische Orientierung und Sicherheit suchen müssen; aus Washington sind sie vorerst nicht zu erwarten.