Null Komma null Prozent. Im zweiten Quartal dieses Jahres ist die deutsche Wirtschaft kein bisschen gewachsen. Das klingt wie eine Hiobsbotschaft, doch, o Wunder, die Experten bleiben gelassen. Die Exporte florieren unverändert, die heimischen Unternehmen investieren wieder, die Auftragsbücher der Industrie sind voll, die Verbraucher geben langsam etwas mehr Geld aus, die Unternehmen machen gute Gewinne, der Aktienmarkt boomt. Schon im Herbst, so die vorherrschende Meinung, wird sich der Aufschwung, der noch im ersten Quartal des Jahres spürbar war, wieder verstärken. BILD

Doch der Optimismus könnte sich schnell verflüchtigen. Als im Oktober vergangenen Jahres der Ölpreis vorübergehend die 50-Dollar-Marke überschritt, erklärte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin (DIW): "Verharrt der Ölpreis länger als sechs Monate auf dem heutigen Niveau um 50 Dollar, dann könnte das die Konjunktur gefährden." Die Wirtschaftsforschungsinstitute präzisierten in ihrer Frühjahrsprognose, ein solches Preisniveau dämpfe "die Konjunktur in den Industrieländern innerhalb von zwei Jahren um reichlich einen halben Prozentpunkt".

Genau dies könnte sich nun bewahrheiten. Längst ist der Ölpreis auf ungekannte Höhen gestiegen. Anfang dieser Woche kostete das Fass Öl (159 Liter) mehr als 67 Dollar. Ein Ende des Aufwärtstrends ist nicht abzusehen. Die Spezialisten der Investmentbank Goldman Sachs fürchten schon, dass der Preis für das Barrel auf 100 Dollar steigen könnte.

Die Gründe für den Preisschock liegen vor allem in der Weltpolitik: in dem Atomstreit mit Iran, der gedrosselten Förderung im Irak, der Instabilität in Saudi-Arabien nach dem Tod des Königs, der terroristischen Gefahr.

Dazu kommt eine Reihe rein ökonomischer Gründe für die immer neuen Höchstpreise für das Schwarze Gold. Die Nachfrage steigt weltweit, vor allem weil die Wirtschaften der Schwellenländer (allen voran China und Indien) stark expandieren und weil die USA und andere Verbraucherländer seit dem Irak-Krieg vor zwei Jahren beträchtliche Ölreserven anlegen. Überdies sprudeln die Ölquellen schon so stark, dass die Fördermengen kurzfristig nicht erhöht werden können. Dazu kommen Engpässe bei den Raffineriekapazitäten, die sich in hohen Produktpreisen niederschlagen. Nichts deutet darauf hin, dass sich diese Negativfaktoren bald auflösen könnten. Im Gegenteil, die weltweite Spekulation verstärkt den Aufwärtstrend noch.

Von Panik keine Spur: Die Weltkonjunktur zeigt sich robust

Damit droht ein klassischer Mechanismus in Gang zu kommen: Hohe Ölpreise treiben die Verbraucherpreise nach oben, die verfügbaren Einkommen der Haushalte sinken und damit deren Nachfrage nach Konsumgütern; gleichzeitig sind die Gewinne der Unternehmen durch die steigenden Energiekosten bedroht. Die fast zwangsläufige Folge: Erst sinkt der Konsum, dann sinken die Investitionen – und schon kommt das Wirtschaftswachstum zum Stillstand. Der Sachverständigenrat beschrieb die Wirkung in seinem aktuellen Gutachten so: "Für eine von Ölimporten abhängige Volkswirtschaft wie Deutschland wirkt ein starker Ölpreisanstieg ähnlich wie eine Steuererhöhung, mit dem Unterschied, dass die zusätzlichen Einnahmen zu einem überwiegenden Teil an die Öl produzierenden Länder abfließen."