Der Bus bockt und schüttelt sich wie ein mürrisches Maultier, und jedes Mal, wenn er in ein Schlagloch rumst, bleibt einen Herzschlag lang alles in der Schwebe. Aber dann rappelt sich die Karosse wieder auf und rumpelt grollend weiter. Dieselgas und Schwaden von schwelendem Holz ziehen süßlich durch die Rostritzen herein. Vor den verschmierten Fensterscheiben verschwimmen die Wälder und Aschenfelder zu einem einzigen graugrünen staubigen Meer.

Hin und her geworfen wie Kartoffelsäcke, starren die Reisenden vor sich hin, zusammengesunken, verrenkt und verrutscht. Plötzlich prasseln die Tropfen. Der Regen knallt mit genagelten Stiefeln auf das Dach. Stoisch kämpft sich der Bus voran, schleift, pflügt, rutscht, schleudert, stellt sich quer und schlägt schließlich irgendwo auf. Durch die Regenschleier hindurch sind draußen einige Funzeln auszumachen, der nächste Stopp unserer Fahrt: El Dorado. Nichts als ein kleiner Ort im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso. Nichts als ein elender Fleck mitten in Amazonien.

Eldorado. Das Goldland, das Glücksland, Schlaraffenland.

Der alchimistische Traum von der Goldmacherei: Er hatte schon das späte Mittelalter verhext. Und konnten die Zauberer nicht halten, was sie versprachen, konnten kein Gold machen und den Stein der Weisen nicht finden, so musste es doch jenseits der großen Meere Schätze im Überfluss geben. So musste dort das sagenhafte Land liegen, das Land aus Gold.

Überall an Europas Höfen harrte man der Kauffahrteischiffe aus Indien. Immerhin: Seidenstoffe, Edelsteine, Pfeffer und Zucker – das alles schien den Weg zu weisen. Christoph Kolumbus meldete im gloriosen Jahr des Herrn 1492 dem spanischen Escorial die Entdeckung "Westindiens". "Wo ist das Gold?", soll seine erste Frage an die federgeschmückten Menschen gewesen sein, die er dort traf.

"Sucht Eldorado in der grünen Hölle!"

50 Jahre nach Kolumbus stieß Gonzalo Pizarro, ein jüngerer Bruder des Francisco, über die Anden hinab in das heiße Tiefland am Rio Napo vor. Erschöpft und halb verhungert schickte die Expedition den Gefährten Francisco de Orellana los, um nach Proviant zu suchen. Aber der wollte nur auf eigene Faust Eldorado finden. Eine 260 Tage währende Odyssee begann. An ihrem Ende hatte Orellana 1542 als erster Europäer den Amazonas-Strom in ganzer Länge erkundet. Zur selben Zeit legte man in Padua, Italiens berühmter Universitätsstadt, den ersten botanischen Garten an.

Durch die gesamte frühe Entdeckungsliteratur, all die Briefe, Berichte und Chroniken geistern Himmel und Hölle, "edle Wilde" und "Menschenfresser", sagenhafte Tiere – und Schatzkarten, die den großen, unerschöpflichen Reichtum versprechen. Bis in das 19.Jahrhundert hinein spukte Eldorado in den Köpfen der Abenteurer herum. Erst dann verblasste der lockende Zauber allmählich. "Das Dorado, den goldenen Gärten der Hesperiden vergleichbar, entschwand immer mehr dem geographischen Bereich und ging in die Gefilde mythologischer Fiktionen über", bemerkt Alexander von Humboldt.

Der Berliner Universalgelehrte war 30-jährig mit dem vier Jahre älteren Freund und Botaniker Aimé Bonpland aus Paris im Juni 1799 zu einer Reise in die "Aequinoctial-Gegenden des Neuen Continents" aufgebrochen (wie er das Land im Titel seines vielbändigen Expeditionsberichts nannte). Sie schleppten Sextanten, Quadranten, Teleskope, Längenuhr, Theodoliten, Inklinometer, Cyanometer, Hygrometer, Barometer und Thermometer mit – alles, was die damalige Technik zu bieten hatte.

Und sie vermaßen die Welt. Humboldts Ziel war es, eine umfassende Naturbeschreibung der Erde zu liefern; dafür riskierte er buchstäblich Kopf und Kragen. Nach seiner Rückkehr 1804 und den ersten Veröffentlichungen wurde er in Paris als zweiter Kolumbus geehrt und bewundert. Nur Napoleon Bonaparte zeigte sich wenig beeindruckt. "Sie beschäftigen sich mit Botanik?", fragte er den jungen Gelehrten und setzte mokant hinzu: "Wie meine Frau."

Die Ignoranz der Macht sprach auch aus Simón Bolívar, dem "Befreier Südamerikas", als er nach dem verheerenden Erdbeben 1812 in Caracas knurrte: "Wenn sich die Natur gegen uns stellt, werden wir sie bekämpfen und sie uns untertan machen!"