Um 7.30 Uhr beginnt für Bademeister Mario ein neuer Arbeitstag. Die ersten Strandläuferinnen sind schon unterwegs, marschieren von Silvi bis zur Torre di Cerrano, dem Festungsturm des spanischen Königs gegen die Korsaren. Fünf, sechs Kilometer legen sie so in der Frische nach Sonnenaufgang zurück, noch bevor Mario die Sonnenschirme öffnet, die Liegen aufklappt, die Stühle zurechtrückt und mit einem breiten Rechen die Uferzone harkt. Er würdigt sie keines Blickes.

Früher kam eine Signora nicht vor zehn Uhr an den Strand. Sie kam auch nicht einfach. Sie begab sich. Umschwirrt von Kindern und Kindermädchen schritt sie durch den Wald blau-weiß gestreifter Sonnenschirme zur ersten Reihe, stellte die Tasche ab, verstaute das Strandkleid ordentlich zwischen den Speichen des Schirms, bevor sie sich auf dem Liegestuhl niederließ und aufs Meer schaute, wo die Kinder in den Wellen tobten.

Von den Deutschen, die wir hier hatten, konnte Rimini nur träumen

Seit 40 Jahren betreibt Mario Di Francesco seine Badeanstalt La Conchiglia (Die Muschel) in Silvi Marina an der Adria, etwa zwanzig Kilometer nördlich von Pescara. Anfangs begaben sich an seinen Strandabschnitt nur ein paar Mütter nebst Anhang, für die der Sommer von Mai bis September dauerte. Es waren Damen aus den Provinzstädten der Umgebung, die ihre Sommerfrische hier verbrachten, manche kamen auch schon aus Rom und Neapel. An den Wochenenden schauten die Ehemänner vorbei.

Silvi Marina war ein Fischerdorf: niedrige Häuser aus sandfarbenen Ziegelsteinen, eine Pinienstraße zwischen Meer und Eisenbahnlinie, ein paar Villen. Und der breite Sandstrand zur Adria, die hier so flach ist, dass man 200 Meter weit vom Ufer noch stehen kann.

"Für uns gab es nur die Kindermädchen", sagt Mario, "wenig Wild für viele Jäger. Erst zierten sie sich, aber nach zwei, drei Monaten Sonne, Salz und Langeweile wurden sie weich." Die Vorläuferin der Conchiglia hieß Club dei nati stanchi, Klub der müde Geborenen. Mario hatte ihn gegründet, als klar war, dass er nicht Tischler werden wollte wie sein Vater. Eher wollte er etwas machen wie der Großvater, der einen Ausschank betrieben hatte. In einer Hütte unter den Pinien verkaufte der nonno den Fischern von Silvi Wein aus den Hügeln, die sich gleich jenseits der Staatsstraße bis zum Gran-Sasso-Massiv hochschwingen.

Aber müde geboren war Mario gar nicht. Er setzte auf den Tourismus, und der Tourismus kam nach Silvi und in seine Conchiglia. Das funktionierte mit der Autobahn Ancona–Bari, die 1969 gebaut wurde. Auf der Autostrada fuhren die Fremden in den Süden, sahen die Pinien und das Meer und stiegen aus. "Halb Europa kam nach Silvi", schwelgt Mario, "und von den Deutschen, die wir hier hatten, konnten sie in Rimini nur träumen. Gente di qualità, Leute von Qualität."

Wie in Rimini wurde es nie. Zwar schickte bald das Stahlwerk aus Terni seine Arbeiter in die Sommerfrische nach Silvi und das Erziehungsministerium die Grundschullehrer. Zwar wurde ähnlich hastig und genauso hässlich gebaut wie am Teutonengrill, bis die Pinienstraße zwischen grauen Betonhäusern verschwand. Sie ist aber noch da, stets überzogen vom süßlichen Duft einer mitten im Ort gelegenen Lakritzfabrik. An den Hügeln wucherte der Ort weiter, doch wenn man vor der Conchiglia im warmen Uferwasser bis zur zweiten Sandbank schwimmt, sieht man doch nur Hänge mit Olivenbäumen und Wein und den Mauerring von Silvi Paese, dem Dorf der Bauern. So war das in den Abruzzen, oben lebten die Bauern und unten am Meer die Fischer. Nur sieben Fischer sind am Strand von Silvi Marina geblieben. Morgens verkaufen sie ihre Ware an Hausfrauen in Kittelschürze und Holzschlappen: ein paar kleine Rotbarben und Sepia. Ab und zu ist eine Goldbrasse dabei. Die Adria ist leer gefischt, und der Strand ist auch nicht richtig voll.

Bis vor zwei Jahren hatten die Deutschen viele Liegestühle an der Conchiglia besetzt, Familien aus Bayern, aus Nordrhein-Westfalen und aus Ostdeutschland. Sie waren gleich hinter der Badeanstalt im Hotel Abruzzo Marina untergebracht, einem düsteren Betonklotz. Im letzten Winter wurde es strahlend weiß gestrichen und komplett renoviert, aber die Deutschen sind trotzdem nicht mehr da. "Die Krise", sagt Mario, "la crisi", sagt der Hoteldirektor Francesco Proietto, der mit 43 Jahren schon Großvater ist und ganz auf Familien setzt, "denn die Familien sind unser Anker in der Saison". Proietto bietet eine Reihe von Vergünstigungen für Kinder. Das ist in Italien längst nicht selbstverständlich.