Wie kann es sein, dass die Lage des Landes so ernst ist und der Wahlkampf so unernst? Aus drei Gründen: 1. Solange die Deutschen in Urlaub oder in Urlaubsstimmung waren, konnten sich die oberflächlichen Reize durchsetzen. 2. Lange hatten die meisten beumfragten Bürger den Eindruck, die Wahl sei schon entschieden und man könne ungehindert seinen expressionistischen Bedürfnissen nachgeben, also etwa mit der Talkshow-Partei von Gysi& Lafontaine flirten. 3. Die so genannten Sachthemen sind alle schon tausendfach durchdiskutiert. Gesundheitsprämie, Kündigungsschutz, Steuerreform, Studiengebühren, Arbeitsmarkt füllten in den vergangenen Jahren so ungefähr 200 Christiansen- Sendungen.

All diese Faktoren verlieren jedoch von Tag zu Tag an Bedeutung. Die Deutschen kommen allmählich aus dem Urlaub zurück. (Außer den Bayern, was vielleicht die Verrücktheiten des Edmund Stoiber erklärt, der geistig quasi noch in den Ferien ist.) Die Schwankungen bei den Umfragen haben den Bürgern gezeigt, dass ihre Stimme doch zählt, weil sie zumindest zwischen Schwarz-Gelb und Schwarz-Rot entscheidet.

Sogar die Inhalte dürften bald wieder zu ihrem Recht kommen, wenn immer klarer wird, um welche Richtungsentscheidung es geht. Drei Möglichkeiten stehen zur Wahl: eine verschärfte Agenda 2010 (Schwarz-Gelb), eine abgeschwächte (SPD und Grüne) und eine Gegen-Agenda (Linkspartei). Da Letztere nicht regieren wird und Rot-Grün nicht mal von Rot-Grünen noch Chancen eingeräumt werden, reduziert sich die Entscheidung auf eine klare Alternative: Will eine Mehrheit, dass die Agenda weitergeht, wenn es sein muss sogar heftiger als bisher, damit sie endlich doch wirkt? Oder aber darf der Reformprozess nur sehr langsam fortgesetzt werden und kann dennoch endlich Früchte tragen? Dafür stünde die Große Koalition. Egal, was die Politiker wünschen oder treiben, egal, welche Überraschungen die letzten 30 Tage noch bieten – auf diese Frage läuft der Wahlkampf zu.

Noch eines lässt sich prognostizieren: Am Ende wird diese Wahl genauso ernst genommen, wie die Lage des Landes ist. Deshalb kann man einige Epiphänomene der bisherigen Wahlkampagnen schon mal vor dem geistigen Auge verschwinden lassen. Die bayerischen Verrücktheiten zum Beispiel. Die Unterprofilierung der Kandidatin. Oder das lockere Lächeln des Kanzlers. Um seine Laune einigermaßen natürlich wirken zu lassen, braucht Gerhard Schröder für seine Partei in jeder Woche zwei Prozent mehr in den Umfragen. Anders kann er nicht in die Nähe der Union kommen, also nicht den Eindruck aufrechterhalten, er könne Kanzler bleiben. Doch sobald sein Lächeln nicht mehr das eines Kämpfers ist, der es doch noch schaffen kann, sondern das eines Mannes, der guter Dinge ist, weil er geht, wirkt es frivol.

In der SPD werden darum Überlegungen angestellt, wann der geeignete Zeitpunkt ist, andere Machtoptionen ins Spiel zu bringen, solche ohne Schröder. Rot-Rot-Grün ist ebenso unrealistisch wie unpopulär. Die Große Koalition wiederum lässt sich aus SPD-Sicht nur in der wenig attraktiven Gestalt der Juniorpartnerschaft denken. Also wird zurzeit eine rot-grün-gelbe Ampelkoalition ventiliert. Das gefällt auch den Grünen, die wegen ihrer fehlenden Machtperspektive weithin unbeachtet vor sich hin wahlkämpfen. Realistisch ist eine solche Ampel natürlich nicht. Für die FDP wäre es Selbstmord, und im Bundesrat hätte eine solche Bundesregierung ganze vier Stimmen! So ist die Ampel nur das letzte strategische Mätzchen, bevor dieser Wahlkampf richtig ernst wird: Entschärfte oder verschärfte Agenda, alles andere ist Tand. Bernd Ulrich