Das Drohpotenzial, das diese Kultur von unten für die Majorität entfaltet, liegt weniger in der obszönen Sprache als in der Ungewissheit, ob hier Werte der Zukunft generiert werden. Man weiß ja nicht, was alles noch kommen wird in Zeiten von Hartz IV und Alg II. Der Kampf um Status und Jobs hat die Mittelschichten ergriffen, und im Osten versinken ganze Landstriche. Längst ahnen auch die Kinder aus behütetem Hause, dass die Rede von Aufschwung, Vollbeschäftigung, von der Leistung, die sich wieder lohnen muss, selbst nichts anderes ist als ein Durchhalte-Rap, warum also sich nicht gleich dorthin durchschlagen, wo unverhohlen das Recht des Stärkeren gilt? Bushido lädt in sein Stammlokal, eines jener arabischen Cafés, wo Männer bei greller Beleuchtung über Wasserpfeifen und Kartenspielen sitzen und in der Ecke der Fernseher läuft. 800 Jahre Knast seien hier versammelt, sagt Bushido. Nachprüfen lässt sich das natürlich nicht. Doch es ist eine magische Welt der Clans und der Stämme, die in den Szenarien des bösen Rap aufscheint, eine Welt, in der der Männerbund Wärme spendet, während nach außen hin nur eine Moral gilt: Nimm dir, was du kriegen kannst.

»Die Situation wird sich weiter verschärfen«, sagt Specter, »bald kommen die Waffen.« Es klingt, als habe er das schon oft gesagt. Specter, bürgerlich Eric Remberg, ist die treibende Kraft hinter Aggro Berlin. Dass der frühere Kunsthochschüler bei der Ausgestaltung der furchterregenden Aggro-Charaktere etwas nachgeholfen hat, gilt in der Szene als offenes Geheimnis. Jetzt sitzt er im Konferenzzimmer des in Kreuzberg gelegenen Firmenimperiums und beschwört amerikanische Verhältnisse. Sozialstaat? Augenwischerei! Man muss sich doch nur mal umsehen: überall Desintegration, Überlebenskampf, gewalttätige Jugendliche – »das sind Leute, die sind nicht gesellschaftsfähig«. Deutschland sei ein Land der Träumer, sagt Specter, das Ghetto längst Wirklichkeit, und wie gerufen kommt Fler hereingeschneit. Fler beschwert sich über die ungerechte Berichterstattung in eigener Sache, kann aber jede Schlagzeile auswendig: Viel Feind, viel Ehr. Ob er in diesem Artikel auch wieder als Rechtsradikaler dastehen werde, fragt er und zeigt seine muskulösen Unterarme. Nein, sagt man, aber als jemand, der mit der Angst spielt. Da lehnt Fler sich zufrieden zurück und wird wieder zu Patrick Decker, dem gehänselten Heimkind. Die Angst der anderen ist gut, sie bedeutet in seiner Welt Respekt.

Zur Verunsicherung trägt bei, dass selbst die, die an den Schulen Basisarbeit leisten, der Faszination des Bösen ratlos gegenüberstehen. Rapper Gauner etwa kann sich »schon vorstellen«, dass die Beschallung jugendlicher Hirne mit FWörtern auf die Dauer »’ne beschiss’ne Wirkung« hat. Andererseits ist die Pubertät eine Zeit der Experimente, und vieles wird in den Medien übertrieben. Rapper Gauner zieht mit dem HipHop-Mobil, einer staatlich geförderten Einrichtung, über Berliner Schulhöfe. Zuerst kommt eine halbe Stunde Frontalunterricht zur Geschichte des Hiphop, wie die Kultur einmal übergreifend hieß, dann sollen die Schüler ein Erfolgserlebnis mit einem selbst geschriebenen Text machen – die rollende Kreativwerkstatt sozialdemokratischer Prägung. Als Pädagoge oder gar Sozialarbeiter sieht Gauner, ein Mann mit langen Rastalocken, sich trotzdem nicht. Zum einen weiß er, dass man das Gegenteil erreicht, wenn man Jugendlichen in schwierigen Übergangssituationen ihre Idole schlechtzureden versucht. Zum anderen fühlt er sich als langjähriger Aktivist, der auch Platten herausbringt, selbst der Szene zugehörig. Leider seien in der Zwischenzeit einige Werte verloren gegangen.

Gauner hat das Kommen und Gehen der Helden am lebenden Objekt verfolgt. Vor zehn, fünfzehn Jahren jammte die Gemeinde in finsteren Kellern und fühlte sich den politischen Idealen der alten Schule verpflichtet: Zusammenhalt, Artistik, fairer Wettkampf. Die so genannten Freestyle Battles (Freistilkämpfe) erlebte er als lustige Streitkultur, bei der der eine Rapper den anderen mit geschickt gewählten Worten auszog, ohne ihn gleich kaltmachen zu wollen. »Kennste Savas, kennste Sido, kennste Bushido?«, fragen die Schüler heute und kupfern, was sich mit geübtem Auge sofort erkennen lässt, den einen oder anderen rüden Vers von den neuen Kings der Schulhöfe ab. Eine wirkliche Zunahme der Gewalt, gar rechtsradikale Tendenzen kann Rapper Gauner dabei nicht beobachten, findet aber »diese Ghetto-Identifikation« bedenklich: Die eigene Lage noch schlechter reden, als sie ist, die Bedeutung, die Autos, Geld und Mädchen gewonnen haben, die Alphamännchen-Nummer. Das sei früher einmal anders gewesen. Ansonsten: Man müsste systematisch Interviews führen, wissenschaftlich an die Sache herangehen. Bis es so weit ist, bleibt die Berliner Härte ein Wesen, das sich in der Öffentlichkeit verbirgt.

Vielleicht ist es im Nordwesten der Stadt zu finden, wo Sami »Ben« Mansour einen schwunghaften Handel mit Hip- Hop-Devotionalien betreibt. Versteckt zwischen Fabrikhallen, voll gesprühten Wänden und Laubenkolonien liegt der kleine Laden, den das frühere Mitglied der Kreuzberger Straßengang »36 Boys« aufmachte, als klar wurde, dass die Sehnsucht nach Härte auch ein Markt ist. Jetzt ist er mit seinen 31 Jahren fast schon ein Veteran, das Geschäft brummt, hinterm Tresen steht seine Urberliner Mutter und fragt die Hereinkommenden: »Was kann ich dir Gutes tun, Großer?« Begehrt sind Leuchtdiodengürtel für 55,90 Euro und Ringe mit eingeprägten Kampfnamen, doch auch die eine oder andere Prinz-Porno-CD geht über den Tresen. Die Kunden, die hier ihren Bedarf decken, wirken nicht verhaltensauffällig, auf Nachfrage entpuppen sie sich als Gymnasiasten aus Wilmersdorf und anderen bürgerlichen Stadtteilen. Das sei die Regel, sagt Mansour, hinter den in Klein- und Kleinstauflagen zirkulierenden Underground-Provokationen steckten nicht selten Söhne aus gutem Hause. Einen Kulthit bescherte ihm kürzlich ein Waldorfschüler, der Sidos Mein Block unter dem Titel Mein Dorf parodierte. Es spricht einiges dafür, dass die, die beschützt werden sollen, zugleich die sind, vor denen gewarnt wird.

»Hiphop ist ein Mantel, den du dir umhängst«, sagt Mansour, »was der Einzelne daraus macht, ist sein Ding.« Nicht einmal ein Kleinpate wie er allerdings kennt seine gesamte Kundschaft, denn der Großteil der Ware geht in den Versand. Draußen, auf dem platten Land, könnte die wahre Avantgarde der Härte wohnen, in den Käffern Brandenburgs und Mecklenburg-Vorpommerns, wo die Leuchttürme einsam in der Gegend herumstehen und sonst keinerlei Orientierung geboten wird. Oder in Großstädten des Ostens wie Leipzig, Dresden und Halle. Schon jetzt kursieren in der Berliner Szene wilde Geschichten: von Neunjährigen aus der Platte, die an der Wodkaflasche hängen und nach Konzerten ihr Messer aufblitzen lassen. Die Frage ist, was passieren wird, wenn der Trend zum Gangster-Rap anhält und eine anonym gewordene Industrie Leute unter Vertrag nimmt, die keinen Sinn mehr für die Ironien des verbalen Kampfsports Rap aufweisen. Wird es dann die ersten deutschen HipHop-Toten geben? »Schwieriges Thema«, sagt Mansour und kratzt sich am Kopf. Der Schrecken, er ist immer woanders.