Die Wespe hat im Vergleich zur Biene – sieht man von ihrer Taille ab – keinen guten Ruf. Geflügelte Worte vom "Stich ins Wespennest" bis "bienenfleißig" sagen eigentlich alles über unser Verhältnis zu den beiden. Die Biene gilt als Arbeitstier par excellence, setzt sie doch ihren ganzen Ehrgeiz daran, Honig zu machen, während die Wespe ihren Lebenszweck darin sieht, uns Nachmittage im Biergarten zu vermiesen. Wenn die Wespe sticht, sticht sie aus Bosheit, und wenn sie schnell ist, kommt sie auch noch ungestraft davon. Die Biene dagegen stirbt den Märtyrertod, meist zwischen unseren Zehen im blühenden Klee. Auch das ist nicht angenehm, trotzdem tut uns die Biene leid, was nicht zuletzt an Maja liegt. Unsere Sympathien für Wespe und Biene sind also ungefähr so verteilt wie die zwischen Weißem Hai und Flipper. Doch das könnte sich bald ändern. Dank einer fernen Verwandten der Gemeinen Wespe, der wenig bekannten Lagererzwespe (Lariophagus distinguendus). Agraringenieure setzen sie seit einiger Zeit zur Bekämpfung von Getreideschädlingen wie dem Reiskäfer oder der Getreidemotte ein. Und es kommt besser: Seit Beginn dieses Jahres kämpft die Lagererzwespe für den Erhalt unseres Kulturgutes. 3.000 Pionierinnen dieser kleinen Schlupfwespenart haben im Erfurter Dom den Cranach-Altar vom Holzwurm erlöst. An dem Tafelbild Die mystische Verlobung der heiligen Katharina von Lucas Cranach dem Älteren waren Spuren entdeckt worden, die zu Larven des Gemeinen Nagekäfers, also des Holzwurms führten. Auf die in solchen Fällen übliche Gas-und-Chemie-Methode wollten die Kirchenleute verzichten. Aus Zeit- und Kostengründen und damit das Kunstwerk aus dem Jahr 1520 keinen Schaden nähme. Ein Holzsachverständiger brachte sie auf den Einsatz der Biowaffe. Schließlich schätzt die Lagererzwespe auch den Brotkäfer, besser bekannt als Bücherwurm. Der wiederum ist dem Holzwurm ähnlich. Die winzigen Weibchen der Lagererzwespe (3 Millimeter) spüren die Larven mit ihrem Geruchssinn auf, lähmen sie mit einem Stich und legen neben der Larve ihre Eier ab. Damit ist der Nachwuchs mit Nahrung versorgt, der Tod des Schädlings sicher. Der Wespenangriff im Erfurter Dom war ein voller Erfolg. Wir müssen die Wespe mit neuen Augen betrachten. Arnfrid Schenk