Mit einer deutschen Sonderregelung dürfte Benedikt XVI. zufrieden sein. Nirgendwo sonst in Europa ist der konfessionelle Religionsunterricht als ordentliches Schulfach in der Verfassung verankert. Deutschlandweit lassen sich gerade fünf Prozent aller Schüler vom Religionsunterricht befreien und belegen ein Ersatzfach wie Ethik, Philosophie oder Lebenskunde. Ausnahmeregelungen gibt es allein in Bremen, Brandenburg und Berlin. Der Weltjugendtag mag ein Symbol sein für die Rückkehr der Religiosität ins Leben von Jugendlichen; das Thema Religion war nie daraus verschwunden.

Doch seit das rot-rot regierte Berlin beschlossen hat, von Sommer 2006 an als nicht abwählbares Pflichtfach für alle Schüler einen »Werteunterricht« einzuführen, laufen die Kirchen Sturm. Religionsunterricht ist in Berlin ohnehin nur ein freiwilliges Zusatzangebot und würde mit dem neuen Pflichtfach noch schlechter besucht, befürchten sie. Außerdem sei Wertevermittlung nicht Aufgabe des Staates. Die Gegenseite argumentiert genau andersherum: Wie sonst, wenn nicht durch ein glaubensneutrales Unterrichtsfach, könne eine multireligiöse Schülerschaft die Grundlage für ein tolerantes Zusammenleben lernen? Andere europäische Staaten stehen schon lange vor denselben Fragen: Ist die Schule der richtige Ort, um in eine Glaubenstradition eingewiesen zu werden? Führt neutrale Religionskunde zu Orientierungslosigkeit oder zu mehr Toleranz?

»Alle in Europa vorhandenen Modelle von Religionsunterricht sind historisch gewachsen, sie haben ihre eigene Biografie«, sagt Peter Schreiner, Präsident der Intereuropäischen Kommission für Kirche und Schule. Die religiöse Zusammensetzung der Bevölkerung spiele ebenso eine Rolle wie die Beziehung zwischen Staat und Kirche und die Struktur des Bildungssystems. Zwar wird Religion in den meisten europäischen Ländern wie in Deutschland nach wie vor christlich-konfessionell gelehrt. Doch einige Länder haben Ansätze entwickelt, um einheitliche Werte zu vermitteln und zugleich der religiösen Vielfalt gerecht zu werden.

Norwegen: 86,6 Prozent der Norweger gehören der evangelisch-lutherischen Staatskirche an, 1,3 Prozent sind muslimischen Glaubens, nur 0,9 Prozent katholisch. Trotz dieser homogenen Glaubenskultur hat Norwegen 1997 das verpflichtende Schulfach »Christentum, andere Religionen und Moralerziehung« eingeführt und den konfessionellen Religionsunterricht mit seinem Wahlalternativfach Ethik abgelöst. »In Norwegen pflegt man traditionell ein konstruktives Verhältnis zwischen Mehrheiten und Minderheiten«, sagt Peter Schreiner. Zuvor hätten sich der Religionsunterricht und das Alternativfach Ethik inhaltlich immer weiter einander angenähert. Das neue Pflichtfach ist religionskundlich angelegt, dennoch klagen zurzeit mehrere Eltern vor dem Europäischen Gerichtshof um das Recht, ihre Kinder wenigstens in den Stunden abmelden zu können, in denen Glaubensdinge besprochen werden.

Österreich: Bei Deutschlands südlichem Nachbarn herrscht europaweit die größte Religionsvielfalt an öffentlichen Schulen. Gleich 13 staatlich anerkannte Religionsgemeinschaften können dort Religionsunterricht anbieten, die christlichen Kirchen ebenso wie die buddhistische, jüdische und die islamische Gemeinschaft. Lehrinhalte und Lehrbücher werden von den Religionsgemeinschaften bestimmt, der Staat kontrolliert ihre Verfassungsmäßigkeit. Auch die Religionslehrer werden von den einzelnen Religionsgemeinschaften bestellt. Religionsunterricht ist in Österreich Pflichtfach, als Wahlalternative wird an den meisten Schulen Ethikunterricht angeboten.

Frankreich:Laïcité ist eins der Grundprinzipien des französischen Staates. Seit dem Religionsgesetz von 1905 hat der Religionsunterricht keinen Platz an öffentlichen Schulen. Doch eine Studie des Journalisten und Schriftstellers Regis Debray hat eine neue Debatte entfacht. Debray empfiehlt, den strikten Laizismus aufzuweichen und religionskundliche Elemente in den Geschichts- und Philosophieunterricht einfließen zu lassen. Die zunehmend pluralistische Wirklichkeit in Frankreich zwinge zu einer Auseinandersetzung mit verschiedenen Glaubensrichtungen. »Wo Religion in den Schulen nicht vorkommen darf, kann schließlich auch keine Verständigung zwischen Religionen eingeübt werden«, sagt Peter Schreiner. Dass Religion für die Franzosen doch eine Rolle spielt, zeigt nicht nur die Kopftuchdebatte. Jeder fünfte französische Schüler besucht eine katholische Privatschule und erhält dort, ganz selbstverständlich, Religionsunterricht.