Auf die Börse kann man sich nicht verlassen - wohl aber auf ihre Dialektik. Wenn sich die Anleger, ihre Berater und Gurus heute auf einen Trend stürzen, werden sie sich morgen wahrscheinlich dem Gegenteil verschreiben. Denn ihre Begeisterung sucht stets neue Ideen, dann wird die Übertreibung korrigiert - übertriebenermaßen, wie sich versteht.

Heute gelten die vermeintlichen Langweiler des Kapitalismus als ungemein spannend. Alte Unternehmen, die schon mindestens drei Jahrzehnte gehandelt werden, sind an der Börse derzeit besonders erfolgreich. Mehr noch begeistert man sich für Familienunternehmen: Das Handelsblatt hat nachgerechnet, dass die großen unter ihnen 2004 doppelt so schnell wuchsen wie die Börsenkonzerne. Und Banken rechnen vor, dass Aktiengesellschaften mit einer starken Familie im Rücken den Dax in den vergangenen Jahren deutlich übertroffen haben.

Stimmt doch auch, oder? Während Daimler, getrieben von Banken und Börsen, in die Krise raste, konnte BMW mit der Familie Quandt im Rücken seine Modellpalette in Ruhe ausbauen. Die einen versprechen Shareholder-Value, die anderen liefern ihn.

Auf der Suche nach Gegenbeispielen muss man gar nicht den Familienkrach bei Bahlsen bemühen und nicht einmal die Unruhe bei Bertelsmann, als der Patriarch Reinhard Mohn die eigenen Prinzipien umschrieb. BASF zum Beispiel hat auch ohne fürsorglichen Eigentümer die Moden des Moments missachtet - wie ein Familienunternehmen aus dem Bilderbuch - und sich zum weltweit größten Chemiekonzern gemausert. Angestellte Manager, die gefallenen Helden der Neunziger, können sehr wohl unternehmerisch handeln, wenn sie mutig und geduldig genug sind.

So ist denn die Wahrheit nur diese: Es gibt keine. Was die Volkswirtschaft braucht, ist ein Wettbewerb der Systeme. Familienfirmen leiden oft darunter, dass sie immun sind gegen den Blick von außen, bei Börsenunternehmen ohne starke Gründerhand ist es genau umgekehrt. Die können nun von den anderen lernen, sich die richtigen Leute an die Spitze zu holen und auch dann zu ihren Werten zu stehen, wenn es gerade nicht opportun zu sein scheint.

Wetten, dass dann auf der nächsten Welle wieder das Lob der anderen Seite gesungen wird - statistische Belege inbegriffen?