Mit jungen Sängern muss man vorsichtig sein. Sie sollen den Kopf nicht verlieren und erst recht die Stimme nicht, im Höhenrausch des frühen Erfolgs und des raschen Ruhms. Jonathan Lemalu ist ein junger Sänger, und sein Geheimnis besteht darin, dass er unsere Vorsicht nicht braucht. Lemalus Stimme, ein rotgolden timbrierter, vollsaftiger, ausgesprochen wendiger, agiler Bassbariton, sagt: Ich bin gesund, ich weiß, was ich tue, mir kann - allen Verlockungen des Marktes zum Trotz - nicht viel passieren. Der Rezensent der Times ging dieser Stimme nach einem Recital Lemalus in London einmal auf den Grund. Im Inneren, schrieb er, gibt es einen Ton, der so schwarz, hart und glänzend ist wie poliertes Ebenholz. Andere Kritiker sprechen von Schokolade, Honig oder Sahne, und natürlich spielt hier auch das Äußere eine Rolle, die Tatsache, dass Lemalu farbig ist und aus Samoa stammt.

Das ist die eine Seite. Sie hat den 29-jährigen studierten Juristen in kurzer Zeit an die großen Opernhäuser dieser Welt geführt, nach Sydney, London, München. Apropos Jura: Es sei sehr praktisch, sagt Lemalu heute, wenn man als Sänger seine eigenen Verträge lesen könne. Im Übrigen würden die Charaktere, die er auf der Bühne zu verkörpern habe, auch nichts anderes versuchen, als aus irgendwelchen Schwierigkeiten wieder herauszukommen.

Die andere Seite - und die ist auf Lemalus CD Opera Arias nicht genug zu bewundern - ist seine atemberaubende musikalische Charakterisierungskunst.

Denn ob Mozarts Leporello oder Papageno, ob Rossinis Basilio, Verdis Falstaff, Gounods Mephistopheles oder Tschaikowskys Fürst Gremin: Lemalu schafft es, mit einer einzigen Arie jeweils die ganze Figur, ja die ganze Oper vor unserem inneren Ohr lebendig werden zu lassen. Leporello darf bei ihm schnurren wie ein Kater auf Freierspfoten, Papageno wedelt mit samtweichem Federkleid, Gremin bedient sich einer ins Gutturale versenkten Melancholie, wie sie russischer nicht sein könnte. Und seinem Sir John Falstaff merkt man bei allem weltschmerzlichen Klagelaut die Jugend an und dass durch diese geschmeidige Kehle so viele Fässer Rotwein noch nicht geflossen sein können. Jonathan Lemalu, ein leidenschaftlicher, ein dramatisch beseelter Geschichtenerzähler, dem man buchstäblich jedes Wort glaubt.

Jonathan Lemalu: Opera Arias

EMI 5576052