DIE ZEIT: Herr von Gerkan, Herr Marg, gibt es eine historische Epoche, in der Sie als Architekten lieber gelebt hätten als heute?

Meinhard von Gerkan: Wir sind keine Nostalgiker. Es mag ja vieles an der Gegenwart nicht so ideal sein, aber dass nun früher alles besser gewesen sei, das glaube ich nicht.

Volkwin Marg: Ich glaube, dass heute die Schwierigkeiten größer sind. Damals, im frühen 18. Jahrhundert, veränderte sich die Gesellschaft langsamer, und es gab noch die selbstverständliche Kraft der Tradition. Heute ist uns das Traditionelle verloren gegangen, man muss alles willentlich setzen.

ZEIT: Ist das der Grund dafür, dass viele Menschen die alten Städte so anziehend finden? Die meisten lieben ja traditionelle Plätze mehr als die modernen.

von Gerkan: Berechtigterweise.

ZEIT: Ergeht Ihnen das auch so?

von Gerkan: Natürlich geht mir das so, auch wenn ich es nicht gern wahrhaben will. Bei dem, was sich moderner Städtebau nennt, klaffen Anspruch und Wirklichkeit fast immer auseinander. Im Regelfall regiert das Kapital, und das setzt nur auf Rendite. Hier in Hamburg zum Beispiel, da kriegt es selbst eine der größten Banken der Welt nicht fertig, sich wenigstens mal ein anständiges Kleid anzuziehen.

ZEIT: Gibt es für Sie denn überhaupt einen modernen städtischen Platz, der Ihnen ähnlich gelungen erscheint wie manche Plätze früherer Zeiten?

Marg:(schweigt) Spontan fällt mir da keiner ein. Das grundsätzliche Problem liegt aber ohnehin tiefer. Wir müssen akzeptieren, dass es eine kulturelle Lücke gibt. Wenn Städtebau und Architektur auffällige Mühe haben, die technischen Veränderungen mit den tradierten Gewohnheiten zu verschmelzen, dann ist die kollektive Inszenierung voller Widersprüche.

ZEIT: Mit kollektiver Inszenierung meinen Sie die Stadt?

Marg: Ja, denken Sie etwa an die mittelalterliche Stadt der Zünfte und Bürger, da entsprach die äußere, gebaute Form ziemlich genau dem technischen Wesen der Gesellschaft. In dem Moment aber, in dem sich Technik rasend schnell verändert, kommt die adaptierende Inszenierung nicht mehr hinterher. Vieles wird dann noch so gestaltet, wie einst, auch wenn die gesellschaftliche Realität längst eine andere ist. Das erleben wir dann als Bruch.

ZEIT: Heißt das, die Architekten folgen den Veränderungen der Gesellschaft nicht schnell genug?

Marg: Normalerweise versuchen die Künste und also auch die Architektur, uns emotional an die veränderten Bedingungen anzuschließen. Aber im Moment klafft die Lücke halt besonders breit. Alle Parameter des Städtebaus haben sich verändert, durch das Auto ebenso wie durch das Telefon.

ZEIT: Verändert hat sich doch vor allem die Rolle des Bauherrn: Früher gab es davon viele kleine, sie prägten das Bild ihrer Stadt. Heute ist das Bauen vor allem Sache anonymer Investoren.

von Gerkan: Ja, fast ausschließlich. Die meisten Großunternehmen fühlen sich nicht als Teil eines städtischen Kollektivs. Sie ignorieren das Bild, das Gefüge, den Konsens einer Stadt, weil es für sie nur um Selbstdarstellung geht. Gucken Sie sich dagegen zum Beispiel Lübeck an: Jedes Haus ein Individuum und trotzdem alle eine große Familie, alle mit dem gleichen Vokabular gestaltet. Einzig und allein die Kirchen dürfen die Stadt dominieren. All das ist völlig kaputt gegangen, als die großen Kaufhäuser einzogen und bedeutender sein wollten als die Kirchen. Manche dieser Wölfe werden dann zwar als Großmutter verkleidet, und Architekten ziehen ihnen irgendwelche lieblichen Kleidchen an. Aber das sind nur Versuche, mit Design noch etwas herauszureißen. Der gesellschaftliche Konsens ist damit natürlich nicht wiederherzustellen, jeder ist sich nur selbst der Nächste.

ZEIT: Somit sind aber unsere hässlichen Städte zumindest ehrliche Städte, sie zeugen offenherzig vom überschießenden Individualismus.