Allmählich kehren sie aus dem Urlaub zurück, die Gebräunten und Beladenen, in ihren Caravan- und Campingmobilen, in ihren Limousinen mit Dachbox und Fahrradhalter, und die Straßen der nachsommerlichen deutschen Städte füllen sich wieder. Es ist unfassbar, was der moderne, kultivierte Mensch alles benötigt, nur um für kurze Frist den Ort zu wechseln, wo er sein Haupt bettet. Als Herman Melville 1853 den älteren Freund Nathaniel Hawthorne in England besuchte, wunderte sich dieser über den kleinen Koffer, den der Reisende mit sich führte, und er notierte, Melville sei "ein wenig unorthodox in Bezug auf saubere Wäsche". Der fuhr dann noch ein paar Monate durch Europa bis nach Istanbul und Jerusalem und hatte bestimmt nicht für jeden Tag ein frisches Hemd.

In den Tagebüchern Peter Handkes Gestern unterwegs – Aufzeichnungen 1987 bis 1990 (eben erschienen bei Jung und Jung) wundert sich der Autor auf einer seiner Wanderungen über die Anhänglichkeit junger Hunde – zu Hunden hat er ein schwieriges Verhältnis, man erinnere sich an den Höllenhund in der Lehre der St. Victoire – und mutmaßt, vermutlich zu Recht, der Geruch von Schweiß und Staub mache ihn den Tieren vertraut.

Hygiene ist relativ, und Wanderer, die es unter den Dichtern zuhauf gab und noch gibt, nehmen in der Regel keinen Kosmetikkoffer mit. Johann Gottlieb Seume, der von Januar 1801 bis April 1802 von Leipzig nach Syrakus wanderte, lässt seinen Leser immerhin wissen: "Hier" (da befindet er sich in Österreich) "mache ich, wenn Du erlaubst, wieder eine Pause und lasse meine Hemden waschen und meine Stiefeln besohlen." Derlei erledigt heute der Zimmerservice des Hotels, vorausgesetzt, man schläft in einem. Handke macht zuweilen ein Schlümmerchen im Gleisdreieck oder auf der Parkbank, und einmal gerät er am Strand in einen Sturm, der ihn völlig einsandet, sodass er, als er anderntags am anderen Ort erneut in einen Sturm gerät, befriedigt notiert, wie ihm dieser den Sand aus Haar und Kleidern bläst.

Hans Christian Andersen, der es nie lange zu Hause aushielt, nannte sich eine "Zugvogelnatur". Leider gibt es nicht wenige Schriftsteller, die unfreiwillig zu Zugvögeln wurden, umhergeschleudert von den widrigen Winden der Verfolgung und Vertreibung. Der derzeit gefeierte Thomas Mann, der in der Welt herumkam, wäre vermutlich lieber in den vertrauten Villen und Feriendomizilen geblieben. Die romantische Wanderlust, deren späte Nachfahren Günter Herburger, Werner Herzog und eben Handke heißen, ist heute nicht selten durch hässliche Wörter wie Asyl und Emigration zuschanden geworden.

Man muss nicht reisen, um schreiben zu können. Proust verließ selten sein Zimmer, Stifter kam nur einmal ans Meer, Kafka nie nach Amerika. Wir aber, ihre Leser, können mit leichtem Gepäck nicht mehr reisen, denn Bücher sind schwer und nehmen Platz weg. Melvilles Köfferchen taugt uns nicht, eine Dachbox ist das Mindeste. Ulrich Greiner