Die 82 Millionen Deutschen vermehren sich nicht im rentenadäquaten Tempo. In achtzig Jahren gibt es womöglich nur noch 25 Millionen, auf alle Fälle viel zu wenige Jüngere, um den Lebensabend der Älteren finanzieren zu können. Das ist allgemein bekannt, seitdem der Bundespräsident in einer TV-Ansprache den Bundestag aufgelöst hat.

Die Soziologen rätseln über die Ursachen dieser demografischen Selbstauslöschung. Hier, an dieser Stelle, kann das Rätsel teilweise gelöst werden. Es liegt an der deutschen Bürokratie. Wen das überrascht, der hat noch nicht versucht, in Deutschland zu heiraten, zum Beispiel, um Kinder im Rahmen der christlich-abendländischen Tradition im Ehebett zu zeugen. Die meisten Überlebenden jener vorhergesagten deutschen Populationsdürre werden unverheiratet sein. Es wird wenige amtsübliche, aber umso mehr szenetypische Ehen von mittlerer Haltbarkeit und immer weniger klassisch eheliche Kinder geben. Denn die Standesämter werden selbst in achtzig Jahren ihrer Pflicht nachgehen. Abschreckung ist der Name ihrer Dienstvorschrift.

Hier folgt die wahrheitsgetreue Geschichte eines normalen ehebereiten Paares, das eigentlich in Deutschland heiraten wollte, es sich dann aber anders überlegte. 28. Juli 2005, 12.45 Uhr, Anruf des geschiedenen Herrn L. im Standesamt Hamburg-Altona. Es meldet sich Herr W. Der heiratslustige Herr L. macht den Staatsdiener mit seiner Absicht bekannt, sich noch einmal standesamtlich trauen zu lassen. Er weist darauf hin, dass seine zukünftige Frau amerikanische Staatsbürgerin sei. Herr W. antwortet freundlich: "Ja, da müssen Sie zu einem Vorgespräch vorbeikommen." Wie viel Wartezeit sei einzukalkulieren, fragt Herr L. und erfährt: "Bis zu dreieinhalb Stunden." Das kommt dem zukünftigen Ehemann recht lang vor, gemessen an seiner verbleibenden Lebenszeit. Er ist nicht mehr der Jüngste. Selbst beim TÜV geht’s schneller. Er weist darauf hin, dass er eigentlich im bundesdeutschen Produktionsprozess stehe und nicht faul herumsitzen wolle, bloß um seinem Privatvergnügen einer Eheschließung nachzugehen. Der Standesbeamte, Herr W., sagt in freundlichem Ton, dass Herr L. kein "besserer Mensch als die anderen" sei. Herr L. weiß das und entgegnet, dass es ja auch anderswo Terminvereinbarungen gebe, zum Beispiel beim Zahnarzt oder vor Gericht. Herr W. antwortet, dass er selbst trotz genauer Verabredungen sehr lange in Arztpraxen herumsitzen müsse. Herr L., der sich gerne mit dem Staat zu streiten scheint, weist auf die sinkende Geburtenziffer hin. Der Beamte will den Zusammenhang zwischen der langen Wartezeit im Standesamt von Hamburg-Altona und der drohenden Rentenkatastrophe nicht erkennen. Er hat keine Lust mehr und verweist Herrn L. an die höherrangige Beamtin Frau Z.

Der besorgte Bürger ruft die Telefonnummer von Frau Z. schnell im Internet auf. Die Website des Standesamtes Altona scheint nicht wirklich Mac-kompatibel zu sein. Sie kommt auch ohne Adresse aus und verweigert den Ausdruck von Umlauten. Herr L. macht sich jetzt Sorgen um die Rechtschreibreform und wählt trotzdem Frau Z. an; denn er will immer noch heiraten, hält sich aber bereits für einen Querulanten.

Frau Z. nimmt den Hörer ab; ein Erfolgserlebnis für Herrn L. Doch dann sagt die Standesbeamtin, dass es wirklich keine Termine gebe. Er müsse kommen und warten, bis er dran sei. Und dann fragt sie, ob die zukünftige Frau des Herrn L. überhaupt Deutsch könne. Herr L. möchte wissen, ob das den Staat irgendwas angehe. Es gebe in seiner Bekanntschaft glückliche Ehen, deren Umgangssprache dem der Website des Standesamtes überlegen sei. Nein, das sagt er nicht, sondern einfach: "Ja." – "Nun", sagt Frau Z., gleichwohl müsse er mit seiner "Verlobten" vorbeikommen, am besten an einem Dienstag um acht Uhr, dann gehe es schneller. Herr L. sagt, dass er nicht verlobt sei. Frau Z. seufzt "auf Wiederhören" und legt auf.

Dienstag, 3. August 2005, 8.45 Uhr, Standesamt Hamburg-Altona: Herr L. und seine Freundin B., die "Verlobte", erscheinen mit ihren Pässen in der Behörde. Herr W. ist nicht da, sondern eine freundliche junge Frau, die den beiden "Verlobten" (so heißen sie jetzt offiziell) die Pässe abnimmt. Und kurz darauf treffen sie die Standesbeamtin Frau Z., die ihnen zu ihrer Absicht, sich amtlich trauen zu lassen, gratuliert. Dann beginnt eine Fahrt durch den dunklen deutschen Vorschriftenwald. Herr L. glaubt nach wenigen Minuten, einen Carport oder ein Atomkraftwerk zu bauen dürfte nicht schwerer sein als eine "Anmeldung zur Eheschließung". Er ist der Ansicht, er und seine Freundin meldeten sich gerade an, doch wird ihnen klargemacht, dass sie sich erst im Stadium der Anmeldung zur Anmeldung befänden. Frau Z. sagt: Bei der eigentlichen Anmeldung seien eine "Abstammungsurkunde, neu, vom Geburtsstandesamt" mitzubringen.

Herr L. ist zwölfmal umgezogen, er vermisst seine Promotionsurkunde