Nur ein einziges Mal hat sich die innere Stimme gemeldet. Sie klang gar nicht gehässig, wie ich es eigentlich erwartet hatte. Leise und eher besorgt fragte sie: "Und das hier soll Urlaub sein?" Da hockte ich gerade barfuß auf den Holzdielen vor dem Eisenofen. Die Kälte kroch unter den Pyjama, und der Regen trommelte auf das Hüttendach, während ich Anzünder und Brennholz in die geöffnete Feuerklappe schob. Der Ofen wollte an diesem Morgen partout nicht brennen. Er ließ nur schwarzen, traurigen Rauch aus allen Ritzen quellen. Ich bin dann einfach wieder ins Bett gekrochen, darauf hoffend, dass die Schlechtwetterdepression des Ofens irgendwann schon ein Ende haben würde. Hatte sie schließlich auch – nach einer Reinigung des verstopften Rußfilters im Ofenrohr.

Wir haben in diesem Jahr Urlaub in Holland gemacht. Auf der Wiese eines alten Bauernhofs. Vor uns lag nicht das Meer, sondern ein Rübenacker, hinter uns keine Düne, sondern ein Wald. Das Häuschen auf der Wiese, in dem wir wohnten, war eine Kombination aus zusammengenagelter Waldhütte, Zelt und historischer Bauernstube. Unter unseren Füßen knarrte ein Holzdielenboden, grober Zeltstoff bildete Dach und Außenwände. Der Bretterverschlag in der linken Raumecke war das Plumpsklo (mit Wasserspülung!), rechts stand ein uriger Bettschrank mit Herzchen in den zuklappbaren Türen. In einem solchen Alkoven schliefen früher der Bauer und die Bäuerin. Hinter dem Alkoven und dem Plumpsklo befanden sich zwei weitere Schlafkammern für die Eltern und davor eine Kochstelle mit Esstisch. Das war alles.

Unser Urlaubsdomizil hatte weder Elektrizität noch Dusche (die gab es drüben beim Bauernhof neben dem Hühnerstall). Die Kaffeekanne und die Tassen sahen aus wie die Blechteile, die Cowboys in alten Westernfilmen abends am Lagerfeuer benutzen, und aus der Tiefkühltruhe von Margriet, der Bäuerin, konnte man sich jeden Tag eine gefrorene Gummiwärmflasche holen, um die Lebensmittel in einer Holzkiste mehr schlecht als recht zu kühlen. Im Prospekt des Vermieters stand: "Zurück zu den Wurzeln. Genießen Sie das exklusive Gefühl zu leben wie vor fast hundert Jahren." Will man das wirklich?

Wir wollten. Und ich gebe zu, dass ich die kleine Ansprache beim Packen genossen habe: "Computerspiele, Kassettenrekorder und all das könnt ihr zu Hause lassen, Kinder. Wo wir hinfahren, gibt es nämlich keinen Strom!" Aber um auch das klarzustellen: Wir sind keine Familie, die schon immer davon geträumt hat, in den Ferien eine Retro-Doku-Soap aus dem Fernsehen nachzuspielen. Schon gar nicht jene, bei der vor zwei Jahren eine Berliner Familie zehn Wochen lang auf einem Schwarzwaldbauernhof bis zum Umfallen schuften musste, um am Ende wieder zu wissen, was es heißt, in einfachen Verhältnissen zu leben. Wir führen auch keinen streng ökobewegten Haushalt, in dem das Müsli nur handgeschrotet auf den Tisch kommt. Andererseits ist unser Leben nicht so technologisch hoch gerüstet, dass man dringend einmal alle Stecker ziehen müsste, damit die Familie wieder zu sich kommt.

Wir sind eigentlich eine ganz normale Stadtfamilie, die die Errungenschaften der modernen Zivilisation zu schätzen weiß. Auch im Urlaub. Trotzdem haben wir fünf Tage lang mit einem Gleichmut, der uns am Ende selbst überrascht hat, Brennholzkisten geschleppt und den Kaffee mühsam mit der Hand gemahlen. Die an die Wand geschraubte, bauchige Porzellanmühle mit der langen Leier und dem kleinen viereckigen Glas, in das der gemahlene Kaffee fällt, hat der Stadtsohn gleich zu seinem persönlichen Spielzeug erklärt, als sei sie ein Gameboy. Wir hatten immer so viel Kaffeepulver, dass man die Nachbarn in den sieben anderen Hütten jederzeit hätte einladen können.

Bauer Henk fährt Gülle aus mit einer gigantischen Pumpe am Traktor

Jeden Abend haben wir melkfrische Milch in der Blechkanne vom Bauernhof geholt und abgekocht und uns am nächsten Morgen über die widerliche Rahmhaut geärgert, die sich über Nacht an der Oberfläche gebildet hatte. Mit allen Tieren versuchten wir Freundschaft zu schließen, sogar mit den Ohrenkneifern, Blattwanzen, kleinen Spinnen und Stechmücken, die uns bei der feuchten Witterung besonders gern im Haus besuchten. Nur die Invasion der Ameisen war zu viel. Durch eine Bretterritze versuchten sie einen Nachmittag lang, in den Alkoven einzuziehen und legten ihre Eier zu Tausenden in eine Falte des Bettbezugs. Mit kochendem Wasser haben wir sie verjagt.

Die Katzenwäsche am Spülstein hingegen hat uns wenig ausgemacht, mit Ausnahme der elfjährigen Stadttochter, die bis zur Abreise darauf beharrte, dass ein Leben ohne Dusche prinzipiell und für alle Zeiten inakzeptabel sei. Doch hat nicht auch sie irgendwann ihren Frieden mit den Verhältnissen geschlossen? Bei der Ankunft ist sie in ihren pinkfarbenen Sneakers noch wie eine Balletttänzerin um die Kuhfladen gehüpft, später pflügte sie mit Mamas Gartengummischuhen an den Füßen auf dem Weg zum kleinen Hoflädchen durchs Grobe wie die Bäuerin persönlich. Der Sohn hatte sich extra das kicker- Sonderheft zur neuen Bundesligasaison gekauft – gegen die Langeweile. Am letzten Tag fanden wir es ungelesen unter dem Koffer im Alkoven.

Durch all das kann sich Herr Moraal natürlich sehr bestätigt fühlen. Er hat den grob gehobelten Retro-Urlaub in der holländischen Bauernhütte erfunden. Nachdem er für die künstlichen Vergnügungsparadiese der Centerparks gearbeitet hatte und Verkaufsmanager bei Disneyworld in Paris war, machte er sich selbstständig und kreierte "Het Betere BoerenBed", zu Deutsch: das bessere Bauernbett. Er habe zu viel Plastik gesehen und zu viele satte, des Ferienentertainments überdrüssige Gesichter. Deshalb sei er auf die Idee gekommen, etwas ganz Schlichtes anzubieten. Seine Zielgruppe seien Großstadtfamilien, die im Urlaub nicht nur konsumieren, sondern auch eine Erfahrung machen wollten.

Vor zwei Jahren hat er die ersten Zelthäuser neben einem Gehöft aufbauen lassen. Inzwischen sind es schon zwölf Bauern, mit denen er zusammenarbeitet. Jeder Bauernhof hat eine etwas andere Attraktion zu bieten: Auf einem gibt es noch eine alte intakte Wassermühle, der nächste ist ein moderner Großbetrieb mit Melkrobotern, und auf dem übernächsten zieht die Bäuerin Kräuter nach überlieferter Art. Unser Hof hat ein reetgedecktes Haupthaus aus dem 17. Jahrhundert, Milchkühe, Ziegen und ein Pony und liegt nicht weit von einem Kanal, wo man Kanu fahren oder angeln oder mit geliehenen Fahrrädern die Gegend erkunden kann. Die Hofbetriebsamkeit hat uns allerdings weniger gelockt: Bauer Henk fuhr Gülle aus mit einem gigantischen Pumpensystem am Traktor, das senkrecht gestellt wie die Abschussrampe einer Mondrakete aussah.

An kühlen Regentagen hellt der Bollerofen die Stimmung auf

Noch wichtiger als die passenden Höfe ist für Herrn Moraal freilich das Wörtchen "besser" in seinem Betere-BoerenBed-Konzept. Es dauert eine Weile, bis man versteht, was damit gemeint sein soll, denn die Bretter, aus denen er die Wände in seinen Hütten nageln lässt, sind erkennbar gebraucht und windschief. Die Stühle, die um den Esstisch herum stehen, sind alle unterschiedlich und kommen vom Flohmarkt. Aber wer genauer hinsieht, entdeckt dennoch eine gewisse Exklusivität in der Nichtausstattung: Die Matratzen sind mit dem Null-Sterne-Standard einer alten Bauernkate nicht zu vergleichen. Die Öllampen funktionieren tadellos und rußfrei. In jeder Hausecke, auch auf dem Plumpsklo, ragt eine schmiedeeiserne Stange hervor, an der Laternen aufgehängt werden können. In lauen Sommernächten kann man die Zeltwände hochrollen, sodass sich die Hütte in eine Freiluftterrasse verwandelt. Und an kühlen Regentagen wird (wie bei unserem Aufenthalt) der kleine Bollerofen zum großen Stimmungsaufheller, weil er der Feuchtigkeit trotzt und die Füße wärmt.

In den Niederlanden gibt es ein Gesetz, das es den Bauern erlaubt, von April bis Oktober Camper auf ihren Wiesen zu beherbergen. Verglichen mit diesen Hartgesottenen, die in klammen Klamotten unter flatternden Zeltplanen auf morastigem Boden ausharren, ist Herrn Moraals Dielenstube allemal het betere boerenbed. Überhaupt macht ein Vergleich mit dem Zeltplatzbewohner am besten deutlich, wo die Mentalitätsunterschiede liegen. Den Camper drängt es ehrgeizig zum Komfort. Er will den Anschluss an die Zivilisation auf keinen Fall verlieren. Deshalb verlegt er Stromkabel, organisiert Gasanschlüsse, schraubt eine Fernsehantenne auf das Dach und hisst am Sonntag die Ferrarifahne, wenn Michael Schumacher seine Runden dreht.