Hierzulande sparen die Menschen freiwillig so große Teile ihres Einkommens, dass es fast schon wieder zu viel ist. Ganz anders im Osten Europas: Da müssen sie sparen. In Polen zum Beispiel werden monatlich sieben Prozent des Lohns abgezweigt und in regulierte Fonds für die Altersvorsorge gelenkt - als private Ergänzung zur staatlichen Rente. Das Vermögen dieser Pensionsfonds ist seit der Reform 1999 von null auf 17 Milliarden Euro gestiegen - Traumbedingungen also für die Geldeinsammler. Noch sind die USA und Deutschland unsere wichtigsten Absatzmärkte. Aber solche Geschäfte betreibt man langfristig, und das Wachstum in Osteuropa ist enorm, sagt denn auch Johann Goldbrunner, der in der Geschäftsführung der Allianz Global Investors Europe für die Altersvorsorge zuständig ist. Der Markt wächst staatlich garantiert - und das mit zweistelligen Raten.

Ähnlich wie Polen haben in den vergangenen Jahren die meisten Länder Mittel- und Osteuropas ihre Alterssicherung radikal umgebaut. In Ungarn war es 1998, wie in Polen ein Jahr später, eine sozialistische Regierung, die die Rentenversicherung teilweise privatisierte. Nur: Freuen über die Reform können sich bislang nur die Fondsgesellschaften. Der Reformerfolg ist weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben.

Leitgedanke des Systemwechsels war, dass nicht mehr der Staat, sondern der einzelne Bürger über seine Altersvorsorge entscheiden solle. In einem privaten System seien die Renditen und damit die Renten höher als in staatlich kontrollierten Umlagesystemen, hieß es allerorten. Als Drehbuch für den Wandel diente eine Studie der Weltbank (Averting the Old Age Crisis), die ein flammendes Plädoyer für die kapitalgedeckte Altersvorsorge war. Ziel der Weltbank war es auch, mit den Rentenreformen die Kapitalmärkte in Osteuropa zu stärken. Ein funktionierender Finanzsektor, so die Weisen aus Washington, sei schließlich ein entscheidender Schlüssel zu höherem Wirtschaftswachstum (siehe Kasten). Diesen Ansatz teilt freilich nicht jeder. Dass man die Rentenreform für makroökonomische Ziele instrumentalisiert hat, halte ich für sehr problematisch, kritisiert Monika Queisser, Rentenexpertin bei der Industrieländer-Organisation OECD in Paris.

Bei den Regierungen Osteuropas fanden die Berater der Weltbank dennoch Gehör.

Der Wunsch, eine zweite, kapitalgedeckte Säule aufzubauen, war meist ideologisch motiviert, sagt Katharina Müller, Rentenexpertin beim Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) in Bonn. Sozialstaatliche Tradition und fiskalische Zwänge bremsten teilweise aber den Eifer der Privatisierer.

Mit Ausnahme von Kasachstan kam es nicht zu einer Vollprivatisierung, sondern nur zum Aufbau einer zusätzlichen zweiten Säule.

Die allerdings ist obligatorisch. Also fließt ein Teil der Rentenbeiträge in Polen, Ungarn, Bulgarien, Lettland und Estland in private Pensionsfonds.