Einigen Zwischenfälle haben den ersten Tag nach dem Befehl zur Räumung des Gazastreifen überschatten. Im Westjordanland erschoss ein jüdischer Siedler drei palästinensische Arbeiter und eine Demonstrantin zündete sich in Netivot im Süden Israels an.Gegen Mittag hatten jedoch gewaltlos 830 jüdischen Familien ihr Zuhause bereits hinter sich gelassen und am Abend waren insgesamt fünf Siedlungen des Gush-Katif-Blocks geräumt worden. Erschöpfte Soldaten, denen die Emotion anzusehen war, hatten sich dabei geduldig die Klagelieder der Siedler angehört. Dass zu der Militäroperation vor allem erfahrene Berufssoldaten eingesetzt wurden, machte sich bezahlt: Bis auf wenige Zwischenfälle, darunter ein Ei auf dem Kopf eines Ministers, verlief alles denkbar glatt.Zu Recht bleibt jedoch die Regierung vor dem "harten Kern" beängstigt – wie in der größten Siedlungen Newe Dekalim, in der 15 Jugendliche mit Selbstmord am Mittwoch Abend drohten, sollte die Armee eingreifen. Vor diesen "schwierigen Fälle, vor allem Jugendliche, aus dem Westjordanland angereist oder geschickt," warnte auch Ministerpräsident Ariel Scharon. Er stellte sich gemeinsam mit Präsident Moshe Katzaw der Presse. Allen beiden stand die Anspannung ins Gesicht geschrieben, als sie die bisherige Zurückhaltung der Abzug-Gegner lobten und sie zugleich davor warnten, die Hand gegen die Armee zu erheben. "Beschuldigt mich, kritisiert mich", wandte sich Scharon mit tiefen Augenringen unter den Augen an die Siedler, "aber nicht die Ordnungskräfte, die ihre Aufgabe erfüllen."Es sei nicht einfach für ihn, sich die Szenen der Trauer und des Schmerzes anzusehen, betonte der israelische Premier, bevor er seinen Abschied von "Eretz (Gross)-Israel" in bisher ungewöhnlich klare Worte fasste: ."Ja, wir hatten einen Traum, dass wir alles oder sehr viel von den Gebieten behalten werden können, aber die Dinge haben sich geändert". Es sei keine einfache Entscheidung gewesen, vielleicht sogar die schwerste in seinem Leben, aber sie sei wichtig für Israel und dessen Zukunft. Auch Katzaw wandte sich an die Siedler, als er betonte, dass jeder Soldat ungesetzliche Befehle verweigern müsse, dies aber in diesem Fall bestimmt nicht gelte. Schließlich hätten Knesset und Regierung über den Abzug aus Gaza entschieden. Es hieße, die Mehrheit des Volkes Israel. Katzaw bezeichnete den Abzug als "historischen Moment", was die heimische Medienberichterstattung ohne Zweifel reflektiert.Die Bilder vom Mittwoch werden in jedem Fall in kollektive Gedächtnis eingehen. Den ganzen Tag lang wurde das Geschehen direkt im Fernsehen übertragen – viele Israelis verfolgten mit Anspannung wie die Soldaten Siedler aus ihren Häusern trugen, wie sie sich umarmten, manchmal sogar gemeinsam beteten. Prominente Studiogäste diskutierten unter anderem darüber, ob es ein Zeichen der Schwäche oder der Stärke sei, dass der Schmerz der Siedler so offen zur Schau getragen würde. Als ein Mann dabei gefilmt worden war, wie er den Soldaten mit den Worten "Nehmt meinen Sohn!" ein Baby aus dem Fenster entgegenhielt, gab es einen Aufschrei darüber, dass die Abzugsgegner in ihrem Kampf Kinder als Waffe gebrauchten.Nach optimistischen Einschätzungen könnte der Abzug schon in wenigen Tagen vorbei sein. Die meisten Israelis werden weiterhin minutiös die Räumung im Gazastreifen verfolgen – in der Hoffnung, dass daraus nicht ein bleibendes nationales Trauma wird.