Meine schönen Buchhändlerinnen konnten nichts dafür, ich habe mir das Buch ganz allein vom Tisch genommen, ein schmales Bändchen, von einer Italienerin, und es enthalte, so der Klappentext, Geschichten über junge Frauen in Italien, in Neapel jetzt, nicht in Turin: Denn bei jungen Frauen in Italien fallen mir zuerst immer Cesare Paveses Frauen aus Turin ein, diese einfach unsterblichen jungen Frauen, und offenbar erwarte ich nun, dass sie anderswo in Italien genauso unsterblich sind.

Ich stelle mir vor, dass die junge Autorin aus Neapel genau diesen Gedanken auch hatte, nur sozusagen auf der andern Seite, und von hinten her, und noch verdoppelt, denn Cesare Pavese war ja bloß ein Mann gewesen. Müsste nicht eine Frau, ohne diese für vieles doch blinde Scheu, wie sie Pavese fast im Übermaß hatte, uns sehr viel genauer als er zeigen können, was es auf sich hat mit diesen Unterschieden, an denen er groß wurde und dann womöglich zugrunde ging?

Die Autorin schlüpft nun also in die verschiedensten Frauenrollen, etwa ist sie ein nicht eigentlich leichtfertiges, aber sehr auf ihr Fortkommen bedachtes Mädchen, das schließlich in Camorra- und kommunalpolitischen Kreisen eine sehr schöne Ehekarriere macht – es gehört zum Stil der Autorin, dass sie niemals völlig im Privaten bleibt, sondern immer das soziale und politische Umfeld mit ins Spiel bringt, oft die Figuren, Nebenfiguren vor allem, aus ihm begreift. In der nächsten Geschichte ist die Heldin dann eine Frau, die dauernd zählen muss, sich überall die Haare entfernt und schließlich eine fragezeichenähnliche neue Falte an der Augenbraue hat, von der Braue die Wange hinab (an welcher, sagt sie nicht), und an diesem Tag noch mit einem Mann schlafen geht.

In der letzten Geschichte ist sie eine Lehrerin am gottverlassensten Stadtrand Neapels, dicht am Flughafen. Sie verliebt sich, im Fitness-Studio, im selben Haus, in eine schöne junge Frau, die dann bei ihr einzieht, sie schläft, sozusagen linker Hand, mit einem Mann, sie wird schwanger und ruft den Mann an und fragt nach dem Namen seines Vaters, damit sie einen Namen für das Kind hat; wirklich kriegt sie in diesen Tagen auch endlich eine feste Anstellung, und das Kind kommt im Auto zur Welt, die Kollegin aus der Schule hat sich verfahren, am Ende aber landet sie doch im Krankenhaus, und "als wir im Krankenhaus ankommen", schreibt sie, die Autorin lässt sie selber ihre Geschichte erzählen, "scheide ich gerade die Plazenta aus. Im Krankensaal machen sich die Käfer darüber her, aber das erzählen sie mir erst später."

Das ist also alles locker, lässig und cool erzählt, manchmal überrascht, und soll überraschen, ein winziger romantisch-poetischer Satz, manchmal auch eine hübsche Weisheit, die gehören dann wie die Käfer mit zu diesem tatsächlich ja auch erfrischenden Stil, zu diesem Ton, den, im Nachbarland, vor über vierzig Jahren Christiane Rochefort erfunden hat, in den (freilich ein bisschen verzweifelteren, böseren) sozialkritischen Romanen der frühen sechziger Jahre, den Kindern unserer Zeit etwa; heute können viele diesen Ton, er wird in Schreibseminaren gelehrt; ich nehme an, da hat ihn auch die Autorin gelernt.

Man liest das aber auch gern einmal, keine Frage, das sind kesse Geschichten, so irgendwie dann wieder selbstbewusst zwischen Verlorenheit und Sentimentalität. Vor siebzig Jahren bei uns hat Irmgard Keun das wunderbar gekonnt. Heute erkennt man diesen Stil, wenn er gut ausgeübt wird, auch bald an der Interpunktion. So erzählt in der letzten Geschichte die junge verliebte Frau sehr schön, wie die Wohnung sich verändert, als die Freundin eingezogen ist. Die Wohnung sei größer geworden, sagt sie, für jeden Gegenstand, den die Freundin mitgebracht habe, sei neuer Raum entstanden, "für jeden ihrer Schritte eine neue Kachel … und obwohl die Sonne auf die Häuser herabbrennt, obwohl die Thermometer an den Apotheken bereits zweiunddreißig Grad anzeigen, steigt die Temperatur in unserer Wohnung nicht über zwanzig Grad" – und jetzt ein Punkt, und dann: "Auch wenn die Balkontür offensteht." Vielleicht liegt das aber auch an der Übersetzerin, die das Übersetzen womöglich ebenfalls in einem Schreibseminar gelernt hat, vielleicht sogar im selben wie die Autorin das Schreiben, sie haben dasselbe Alter, 31, 32, da ist auch noch alles drin. Rolf Vollmann