In Österreich hat das deutsche Privatfernsehen ein so genanntes Werbefenster: Bevor dieses exklusiv für die Österreicherinnen und Österreicher aufgeht, erscheinen am Bildschirm immer ein paar adrett und jugendlich aussehende Menschen, die im Chor rufen: "Wir sind Österreicher!" Canettis Komödie der Eitelkeit beginnt mit dem Ausrufer Wenzel Wondrak "auf einer ganz leeren Bühne": "Und wir, meine Herrschaften, und wir, und wir, und wir, meine Herrschaften, und wir, und wir, wir haben etwas vor. Was haben wir vor? Etwas Kolossales haben wir vor…"

Mit großem Vergnügen las ich von Robert Menasse: Das war Österreich. Gesammelte Essays zum Land ohne Eigenschaften . Der Titel kombiniert Pathos mit Ironie: Tatsächlich hört sich ja vieles auf, und dass die Wende, die Wolfgang Schüssel an die Regierung gebracht hat, ein Ende sein soll, ist zugleich eine satirische Grimasse gegenüber all denen, die das für den Aufbruch, für das kolossale Vorhaben schlechthin halten. Mich erinnert der Titel auch an eine unvergessliche Fernsehshow, die, wenn ich mich nicht irre, hieß: Das war André Heller, was ja ebenfalls die Feier einer übers eigene Ende hinausreichenden Präsenz bedeutete.

Jüngst hat Menasse die Salzburger Festspiele, denen "Kultur und Barbarei" ein diesjähriges Thema ist, kritisiert: "So versteckt sich hinter dem Potpourri der vielen kulturellen Höhepunkte der Mangel an Gewissheit, worin die Kultur eigentlich besteht." Ich gehöre zu den Skeptikern, für die dieser Mangel an Gewissheit das einzig Wahre ist. Ich sehe das Problem eher darin, dass es in Salzburg genug Leute gibt, die genau wissen, was Kultur eigentlich ist, und die über Subventionen und durch das Geld von Sponsoren auch die Macht haben, ihr Wissen, wie es so schön heißt, "umzusetzen". Aber genau das hat Menasse in seiner Rede klargemacht. Um es verkürzt zu sagen, ist die großartige Kultur der "salzenburger fetzenspiele", wie sie in Jandls Stück die humanisten genannt werden, nicht frei von barbarischen Zügen, über die man sich dort so erhaben fühlt, dass man glaubt, darüber ohne weiteres, vor allem ohne Selbstreferenz, diskutieren zu können.

Ein "Intellektueller" ist jemand, der den Konsens in Dissens überführt

Seit Menasses Salzburger Rede klingen die Äußerungen von Münchner Musikkritikern bis zu denen kulturinteressierter Kronen- Zeitungs-Kolumnisten wie ein einziges Dementi: Haben die Standing Ovations bei der Premiere von La Traviata nicht bewiesen, dass das Salzburger Publikum keinesfalls aus einem sich selbst zelebrierenden Geldadel besteht? Menasse ist es in Österreich gelungen, das ziemlich abgetakelte Intellektuellenmodell wieder flottzumachen: Ein "Intellektueller" ist jemand, der den öffentlichen Konsens dazu bringen kann, in Dissens überzugehen. Das schafft Feinde, auch solche von gleichem Rang. Der Mainstream aber versucht, Menasse mundtot zu machen, indem man propagiert, er sei "der Schnittlauch auf allen Suppen", ein chronischer Sich-zu-Wort-Melder – mit einem Wort alles hilfreiche Maximen, um nicht hinhören zu müssen.

Tatsächlich ist "der Intellektuelle" ein Teil des Tingeltangels, aber Menasse verliert sich darin nicht: Das war Österreich zeigt, wie seine Interventionen einerseits auf Anlässe des Meinungsmarkts reagieren, wie sie aber auch andererseits Resultate einer kontinuierlichen Nachdenklichkeit sind.

Bei Musil ist Eigenschaftslosigkeit eine Utopie, die den Menschen ziert. Eigenschaften machen starr, und nicht zuletzt ihretwegen bekriegt man einander. Die Musilsche Eigenschaftslosigkeit inkludiert, dass sie selber keine Eigenschaft ist. Das "Land ohne Eigenschaften" ist aber pejorativ gemeint; eigenschaftslos im Sinne des Undezidierten, das verschiedene Verkörperungen kennt, Waldheim als eine persönliche, die Sozialpartnerschaft als eine institutionelle. Menasses Idee ist, dass die Sozialpartnerschaft alle österreichischen Lebensbereiche durchdrungen hat; sie sei ein bürgerliches Geschichtsziel, "das die totale Harmonie durchsetzte, ohne die Konfliktursachen beseitigt zu haben". Menasses Enttäuschung ist, dass mit Schüssel die Demokratie keineswegs begann; es sei eine nur andere Art von "Eigenschaftslosigkeit" entstanden: Zum Beispiel sei die Nebenregierung der Sozialpartnerschaft zwar entmachtet worden, aber ohne dass das die Kontrollrechte des Parlaments gestärkt hätte. Es gibt bloß andere Arten der Gängelung, die, wenn ich es recht verstehe, ein Ende Österreichs darstellen, weil sie nichts Neues, sondern bloß letzte Konsequenzen aus dem ohnedies schon Gewesenen sind. Franz Schuh