Er liebt die deutschsprachige Nachkriegsliteratur. Vergangene Woche hat Paul Kirchhof wieder mal im Stiller von Max Frisch gelesen, abends, auf der Terrasse seines Ferienhauses in den bayerischen Bergen. "Demokratie braucht den Kompromiss" stand da. Aber zum guten Demokraten gehöre, dass er an den Kompromissen leide. "Großartig", sagt er, "so ein Satz hallt einen Tag lang nach."

Es könnte das Motto eines künftigen Finanzministers sein. Der ehemalige Verfassungsrichter Kirchhof, ein Mann mit viel Expertise und Gestaltungsdrang, aber wenig Erfahrung in parlamentarischer Kompromisssuche, soll nach dem Willen der Union das Finanzressort führen. Der 62-jährige Jurist würde eines der wichtigsten Ministerien übernehmen und könnte umsetzen, was er stets gefordert hat. Schon als Verfassungsrichter hat er mehr gestaltet als geurteilt und sich mit Entscheidungen über die Besteuerung von Vermögen, über zulässige Belastungen für Familien oder über Einsätze der Bundeswehr weit vorgewagt.

Der Wechsel in die Politik war nicht geplant und scheint ihm selbst doch fast wie eine logische Fortsetzung seines Engagements. "Wenn man zwölf Jahre lang immer nur fahruntaugliche Autos repariert hat, will man irgendwann selbst eins bauen", sagt er. Als Merkel ihn am Wochenende anrief, um zu fragen, ob sie ihn in ihr "Kompetenz-Team" aufnehmen dürfe, zögerte er nicht lange. "Vereinfachung des Steuersystems, Abbau der Staatsverschuldung, Besserstellung von Familien", das sind aus seiner Sicht die wichtigsten Ziele.

Ein wenig ist es, als hätte sich Angela Merkel in letzter Minute doch noch mit ihrem Widersacher Friedrich Merz versöhnt – und damit einen Wunsch der CDU-Basis und vieler Manager erfüllt, bei denen der Finanzexperte nach wie vor hohes Ansehen genießt. Merz und Kirchhof sind vom gleichen Schlag, viele Ideen sind identisch, sogar äußerlich gibt es Gemeinsamkeiten: Wie Merz muss sich der 1,97 Meter große Kirchhof oft zum Gesprächspartner herabbeugen. Beide sind brillante Redner – wie Merz versteht Kirchhof es, komplizierte finanzpolitische Sachverhalte einfach zu vermitteln. Er formuliert druckreif; das deutsche Steuersystem vergleicht er mit einem verstimmten Klavier.

Vor allem aber verbindet Kirchhof wie Merz finanzpolitischen Sachverstand mit einem konservativen Lebensgefühl. Diese Mischung ist selten geworden im bürgerlichen Lager, was damit zu tun haben mag, dass die meisten Reformer Ökonomen sind und in gesellschaftspolitischen Fragen liberal denken. Die Juristen Kirchhof und Merz widmen sich vorwiegend wirtschaftspolitischen Fragen, sind dabei aber durchdrungen von gesellschaftspolitischem Gestaltungswillen. Beide stehen eher für Leitkultur als für Multikulti, für vier Kinder statt vier Ehen. Fast könnte man Paul Kirchhof als einen Friedrich Merz minus Illoyalität sehen.

Bei kaum einem Thema ist er so engagiert wie in der Familienpolitik. Doch begründet er sein Eintreten für Familien nicht mit den üblichen demografischen Horrorszenarien. Stattdessen sagt er Sätze wie: "Zu einem erfüllten Leben gehören normalerweise Kinder." Er würde das vermutlich sogar sagen, wenn er den Kinderlosen Angela Merkel oder Guido Westerwelle gegenübersäße.

Ob Kirchhof tatsächlich jemals in ein Kabinett Merkel gelangt, hängt allerdings erstens vom Wahlergebnis ab, zweitens von Edmund Stoibers Interesse an Berliner Posten und drittens vom Koalitionspartner. In einer Großen Koalition hätte Kirchhof wenig Chancen – in der Union gäbe es mächtigere Anwärter auf eine kleine Zahl von Jobs, mit der SPD wären seine Ideen nicht umsetzbar. Die Liberalen hingegen sind von Kirchhof regelrecht begeistert, ihr Finanzexperte Hermann Otto Solms gilt allerdings ebenfalls als Anwärter auf das Ressort.