Berlin

Als im Bundestagswahlkampf 2002 die Flut in Ostdeutschland den sicheren Vorsprung der Opposition hinwegzuschwemmen drohte, erwies sich plötzlich die Umweltpolitik als gefährliche Leerstelle im Kompetenzteam des Kanzlerkandidaten. Umwelt sei eben so wichtig, erklärte damals ein erschrockener Edmund Stoiber, dass niemand anders als er selbst das Schlüsselthema abdecken könne. Oh peinliche Ausflucht! Stoibers Kampagne war nun endgültig auf der abschüssigen Bahn.

Fast wäre es der Union diesmal wieder passiert, dass ein wichtiges Themenfeld unbesetzt geblieben wäre – allerdings kaum, weil man es nicht ernst genug genommen hätte. Im Gegenteil. Gerade weil Wirtschaft und Finanzen im Zentrum der Unionskampagne stehen, fiel die Besetzung besonders schwer. Schon kursierten Gerüchte, Angela Merkel selbst wolle das Themenfeld übernehmen. Das klang wieder ein bisschen nach Verlegenheit. Doch dann nominierte die Kanzlerkandidatin mit dem Steuerexperten und ehemaligen Verfassungsrichter Paul Kirchhof einen prominenten Konservativen, der sich bereiterklärte, im Wahlkampfteam die Finanzpolitik zu übernehmen.

Die Wirtschaft wurde dem saarländischen Ministerpräsidenten Peter Müller überantwortet. Kaum ein anderer aus der ersten Reihe der Union versteht es, die Anforderungen ökonomischer Modernisierung so sozial zu kommunizieren wie der Saarländer. In der an populistischen Versprechen armen Kampagne der Union gibt Müller nun den soften Reformer. So ist Angela Merkel mit ihrem Kompetenzteam am Ende doch noch eine Überraschung geglückt.

Die Präsentation des Wahlkampfteams, der Parteitag Ende August, das Fernsehduell mit dem Kanzler – viele Gelegenheiten für einen Push der Unionskampagne hat Angela Merkel nicht mehr. Seit Monaten sinken die Umfragewerte, schon wackelt die schwarz-gelbe Mehrheit, die Botschaft des Wechsels ist kaum mehr vernehmbar, der Osten scheint fast schon verloren, kurz: Das Momentum der Kanzlerkapitulation vom 22. Mai hat die Union verstolpert. Die Kanzlerschaft wird sich Merkel zwar kaum mehr streitig machen lassen. Umso rätselhafter aber ist es, warum die Union so deutlich hinter ihre eigenen hoch gesteckten Ansprüche zurückfällt. Da verspricht CDU-Generalsekretär Volker Kauder unentwegt, bald werde das rot-grüne Chaos von ernsthaftem berechenbaren Regieren abgelöst. Derweil konterkariert jeder Wahlkampftag aufs neue Kauders Ankündigung.

Die Stoiber-Eskapaden der vergangenen Wochen, die Selbstbezogenheit der Ministerpräsidenten, dazu eine leidenschaftslos-vorsichtige Kandidatin – das sind die Symptome der aktuellen Kampagne. Auch in Erwartung des Machtwechsels wird die Union ihre oppositionellen Gewohnheiten nicht los. Vom Ernst der großen Herausforderung ist nichts zu verspüren. Dabei wird er vonseiten der Union andauernd beschworen. "Die Parteien müssen wieder an ihre Pflichten denken. Die bestehen darin, die Probleme des Landes zu lösen. Die Parteien müssen das Land wichtiger nehmen als sich selbst. Das ist das moralische Gebot der Stunde", formulierte der Merkel-Vertraute Norbert Röttgen den Anspruch seiner Partei. "Ich will Deutschland dienen", hatte Angela Merkel nach ihrer Nominierung zur Kanzlerkandidatin erklärt. Und Stoiber hatte versprochen, nicht von ihrer Seite zu weichen.