Hamburg

Der Verteidiger wirft die Arme in die Höhe, als wolle er den ganzen, hochgesicherten Verhandlungssaal des Hamburger Oberlandesgerichts umfassen. "Der rechtsstaatliche Fundamentalgrundsatz in dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten – sollte groß hier stehen!" Als Leitsatz über den Bänken der rotgerobten Bundesanwälte, meint Ladislav Anisic damit. Als Mahnung für das fünfköpfige Richterkollegium des 4. Strafsenats. Und, vor allem, als Schutzformel für seinen Mandanten, den 31-jährigen Mounir al-Motassadeq, angeklagt wegen des größten Terroranschlags aller Zeiten.

Beihilfe zum Mord in 3066 Fällen werfen die Staatsanwälte dem Marokkaner vor, außerdem Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung – der "Gruppe Atta", wie sie Bundesanwalt Walter Hemberger nannte. Gemeint ist jene Schar von jungen muslimischen Studenten aus Hamburg-Harburg, die sich am 11. September 2001 aufmachte, das World Trade Center auszulöschen und in der Folge einen Nato-Bündnisfall, einen Einmarsch in Afghanistan, einen Feldzug gegen den Irak, einen so genannten weltweiten Krieg gegen den Terrorismus auslösten. Die Männer also, die die Weltpolitik veränderten. Am Freitag will der Vorsitzende Richter Ernst-Rainer Schudt das Urteil verkünden.

Damit endet ein Revisionsprozess, der an die Grenzen dessen stieß, was auch die akribischste Rechtssuche noch zu leisten vermag. Ein Jahr lang hat das Gericht an 65Verhandlungstagen 112 Zeugen (einige von ihnen mehrfach) gehört, hat um einzelne Wortbedeutungen in SMS-Mitteilungen gerungen, um den Inhalt religiöser Pflichten und um Verse aus Dschihad-Kampfliedern. Kaum ein Haar war den Beteiligten zu klein zum Spalten. "Sogar der Bartwuchs unseres Mandaten war hier noch von Interesse", bemerkte treffend die Verteidigung in ihrem Schlussplädoyer.

Das Mammut-Verfahren offenbarte ein grundsätzliches Problem, auf welches das Strafrecht eines Rechtsstaates in der Welt der "Osamisten" trifft. Je tiefer sich das Gericht in das Milieu, in die Gebräuche und die Gesinnung radikaler Muslime vorangrub, desto klarer wurde letztlich, dass sich (strafloser) Extremismus und (hochstrafbewehrter) Terrorismus kaum gerichtsfest voneinander trennen lassen. Schon gar nicht dann, wenn wichtige Beweise einer politischen Sperre unterliegen.

Was die Beweisaufnahme zweifelsfrei ergab, ist unter anderem dies: Mounir al-Motassadeq ist ein strenggläubiger Muslim. Er hasst Amerika und "die Juden". 1993 zog er von Marrakesch nach Deutschland, um Elektrotechnik zu studieren. Ab 1996 traf er sich gelegentlich in der Hamburger Marienstraße 54 mit seinen Kommilitonen Mohammed Atta und Ramsi Binalshib, dem später so genannten Chefplaner der Attentate vom 11.September. "Die Juden werden brennen", soll Motassadeq einmal prophezeit haben, und: "Wir werden auf ihren Gräbern tanzen." 1996 unterzeichnete er zusammen mit Abdelghani Mzoudi (er wurde inzwischen vom Terrorismusverdacht freigesprochen) das Testament Attas. Ab 1998 besaß er eine Generalvollmacht für Marwan al-Shehhi, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. Der Araber sollte später der Terrorpilot der United-Airlines-Boeing sein, die in den Südtürm des World Trade Center stürzte.

"Reiten, schwimmen, schießen" als fromme muslimische Pflicht