Wissenschaftsmagazine boten in den vergangenen Wochen grausige Lektüre: In den Journalen wurde mehrfach der Tod Tausender Menschen angekündigt. Am 9. Juni warnte der Seismologe Kerry Sieh vom California Institute of Technology in Nature vor weiteren Tsunamis in Südasien. Zwei Wochen später sagten Forscher um Rolando Armijo vom Tektonischen Labor in Paris in Geochemistry, Geophysics, Geosystem ein schweres Erdbeben nahe der Millionenmetropole Istanbul voraus. In Science berichtete das Team des Geophysikers Hiroshi Sato am 15. Juli von einer gefährlichen Erdspalte, die Tokyo in nur wenigen Kilometern Tiefe unterquert. Die Verwerfung könne jederzeit beben und Teile der Megastadt zerstören.

Japan gilt als eine der gefährdetsten Regionen der Erde, jedes fünfte starke Beben ereignet sich dort. Wie ernst die Warnungen der Seismologen zu nehmen sind, zeigte sich in dieser Woche erneut: Am Dienstagvormittag erschütterte ein Beben mit der Stärke 7,2 den Nordosten des Inselstaats: 27 Menschen wurden verletzt, 17.000 Haushalte waren zeitweilig ohne Strom. Noch im 350 Kilometer entfernten Tokyo wankten die Hochhäuser.

Auch in Kalifornien leben die Menschen in steter Gefahr: Erst am 13. Mai hatte Ray Weldon von der Universität Oregon ein vernichtendes Erdbeben in Los Angeles prognostiziert. Dort, an der University of California, arbeitet einer von Weldons Kollegen, der gebürtige Russe Wladimir Keilis-Borok. Und der wird sogar konkret: Noch im August werde sich in seiner Heimatstadt ein Starkbeben ereignen, kündigt Keilis-Boroks auf einer Internet-Seite des kalifornischen Katastrophenschutzes an.

Zwar verstoßen die Geowissenschaftler mit ihren Kassandrarufen gegen das Gesetz. Öffentliche Erdbebenvorhersagen können in den USA mit bis zu drei Monaten Haft bestraft werden. Die Strafnorm gilt Scharlatanen, die regelmäßig ominöse Erdbebenwarnungen herausgeben. Sie können angeblich drohende Beben aus dem Stand von Himmelskörpern ablesen, sie vorher hören oder haben andere "Beweise". Nun aber werden auch die seriösen Wissenschaftler zu Propheten. Forscher wie Keilis-Borok preschen mit konkreten Warnungen vor. Geowissenschaftler aus Europa, Japan und den USA haben Verfahren entwickelt, die jetzt im Realitätstest bestehen müssen. Ein aufregender Wettbewerb um die verlässlichste Prognose ist entbrannt, sie würde ihren Entdeckern einen Platz in den Geschichtsbüchern sichern.

In Kalifornien gibt es seit Mai sogar täglich eine offizielle Erdbebenprognose – wie beim Wetterbericht wird der nächste Tag vorhergesagt. Dabei wird ein statistisches Verfahren benutzt, das Stefan Wiemer von der ETH Zürich kürzlich in Nature präsentierte. Es gilt der Vorhersage von Nachbeben, die stärker sein können als ein Hauptbeben. Nachbeben, die einem Starkbeben oft jahrelang folgen, ereignen sich nicht zufällig, sondern mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit an bestimmten Orten und werden dabei kontinuierlich gemessen. Bislang lassen sich die Kalifornier in ihrer Tagesplanung durch die neue Dienstleistung freilich nicht beeinflussen. Zu gering sind die angegebenen Wahrscheinlichkeiten, selten sind sie höher als 1:1000. Kein Grund also, die Stadt zu verlassen.

Doch der Tag wird kommen, an dem die Kalifornier wünschen werden, überall zu sein, nur nicht zu Hause: In San Francisco und Los Angeles lässt ein großes Beben schon zu lange auf sich warten – "The Big One" ist längst überfällig. Ein Bericht der US-Regierung sagt Los Angeles bei dem Ereignis 15.000 Tote, 50.000 Schwerverletzte und einen Schaden von 200 Milliarden Dollar voraus. Die Erdbebenprognose soll die Leute ermuntern, Vorkehrungen für den Ernstfall zu treffen. Denn das Unausweichliche scheint die Kalifornier kaum zu beunruhigen. Appelle der Behörden, Medikamente, Kleidung, Batterien und Konserven für den Ernstfall bereitzuhalten, verhallen oft ungehört. Viele verdrängen, dass der Boden der Siedlungsräume im Küstengebirge so stabil ist wie ein Pudding.