Viktorianische Zuckerbäckerbauten und Betonexzesse. Schicke Strandcafés und schäbige Schnapsläden. Weiße Wohlstandsrentner an der Strandpromenade und afrikanische Immigranten in vermüllten Hinterhöfen. In Muizenberg scheint einfach nichts zueinander zu passen. Gerade eben haben wir noch die blonden Surfer auf den Wellenkämmen bestaunt und den Lärm der bunten Sportwelt ertragen, nun tauchen wir, keine hundert Meter vom Strand entfernt, ein in die Stille eines aprikosengelben Art-déco-Gebäudes. Es ist, als beträte man ein Kloster. Die Räume hell und klar, das Mobiliar schlicht und zweckmäßig, die Aura kontemplativ. Aber dort, wo normalerweise Kruzifixe hängen, sind Differenzialgleichungen und esoterische Formeln auf großen schwarzen Schiefertafeln zu sehen.

Die Ordensgemeinschaft heißt Aims, African Institute for Mathematical Sciences , sie wurde im September 2003 gegründet, und es gibt sie nur einmal in ganz Afrika, am südlichsten Zipfel des Erdteils, in Muizenberg bei Kapstadt, direkt am Indischen Ozean. "Hier versammeln wir die besten Mathematikstudenten des Kontinents", sagt Fritz Hahne, der Direktor des Instituts, und führt uns in die Mensa. Die Studenten essen gerade zu Mittag, Nigerianer, Sudanesinnen, Madegassen, Kameruner, eine polyglotte Mischung aus 18 afrikanischen Ländern. Sie müssen mindestens ein Abitur haben, um sich für den neunmonatigen Postgraduiertenkurs in Südafrika zu qualifizieren, für ein Studium generale der reinen und angewandten Mathematik, das Disziplinen wie Quantenphysik, Zahlentheorie, Informatik, Molekularbiologie, Astrophysik, aber auch Finanzmathematik, Nanotechnologie und Computerwissenschaften umfasst. "Wir wollen Allroundwissenschaftler ausbilden, die in der Lage sind, Probleme kreativ zu lösen – die Probleme Afrikas", erklärt Hahne.

Aber wozu braucht man da Zahlentheoretiker? Wären nicht Krankenschwestern oder Ingenieure viel nützlicher? In Hahnes Ohren klingt das ungefähr so, als würde man fragen, ob der euklidische Algorithmus auch für Schwarze gilt. "Die Mathematik schafft die Grundlagen der modernen Gesellschaft", kontert der emeritierte Matheprofessor. "Afrika fehlen mathematische Experten in allen Bereichen. Ich nenne wahllos ein paar Beispiele: Straßenbau, Ölförderung, Demografie, medizinische Forschung." Ganz oben im Programm von Aims steht das Ziel, "überall in Afrika die wissenschaftlichen und technologischen Potenziale zu stärken". Man wolle dazu beitragen, die Kluft zwischen Nord und Süd zu verkleinern. Das sind große Worte. Aber das Institut begreift sich als Teil eines ehrgeizigen kontinentalen Reformplans, der so genannten Nepad-Initiative, die maßgeblich von Südafrikas Präsident Thabo Mbeki vorangetrieben wird. Afrika soll wettbewerbsfähiger werden und sich mit eigenen Kräften aus der Armut befreien.

Mathematik für schwarze Schüler sei sinnlos, hieß es in der Apartheid

Fragt sich nur, ob das ohnehin besser gestellte Schwellenland Südafrika durch solche Initiativen den Brain-Drain verstärkt, also die Abwanderung der besten Köpfe aus den ärmeren Regionen des Erdteils. "Genau das müssen wir vermeiden: dass andere afrikanische Länder das ungute Gefühl bekommen, wir würden sie dominieren und bevormunden", warnt Barry Green. Der Dekan der mathematischen Fakultät an der Universität Stellenbosch unterrichtet regelmäßig beim Aims. Er hat auch schon den Vorwurf gehört, Südafrika sei eine neokoloniale Macht, die die Ressourcen Afrikas ausbeute, in diesem Fall die geistigen.

Komi Sodoga kann derartige Kritik nicht nachvollziehen, er will nämlich lieber heute als morgen zurück in sein Heimatland Togo. Denn dort, in Porto Novo, gibt es das Institut de Mathématique et des Sciences Physiques. "Da habe ich meinen Magister gemacht, da will ich irgendwann als Dozent arbeiten." Zurzeit tüftelt der schüchterne junge Mann an seiner Dissertation über Supersymmetrien in der Quantenmechanik, und natürlich genießt er den Aufenthalt beim Aims, den schnellen Internet-Zugang, das nagelneue Computerzentrum und die Bibliothek, die rund um die Uhr benutzt werden können – es ist wie ein irdisches Paradies für einen Wissenschaftler, der aus der Welt des Mangels kommt.

Einige Stipendiaten werden vermutlich in Südafrika bleiben, und manche werden nach Europa oder Amerika abwandern. Aber wenn die Mehrzahl heimkehrt wie nach den ersten beiden Kursen 2003 und 2004, dann wird aus dem Brain-Drain ein Brain-Gain. Das ist auch die Idee von Neil Turok, dem Gründervater vom Aims. Der Kosmologe aus Cambridge hat es mit seinem "Cyclical Universe Model" – die erste mathematisch stimmige Theorie über den Ursprung des Universums – in Fachkreisen zu Weltruhm gebracht. Es ist kein Zufall, dass Turoks Wahl auf Muizenberg fiel; seine Familie lebt hier, eine der vielen jüdischen Familien, die vor hundert Jahren aus dem Baltikum eingewandert sind. Vater Ben Turok hat das Gebäude, ein vergammeltes 80-Zimmer-Hotel, gestiftet und renovieren lassen. Er ist ein prominenter Abgeordneter des African National Congress, jener Partei, die 1994 unter der Führung von Nelson Mandela die Apartheid friedlich überwunden und Südafrika in eine moderne Demokratie verwandelt hat.