Mit ihm hatten die Kirchen, mit ihm hatte die Ökumene eine Zukunft. Junge Gläubige verehrten ihn wie kaum einen zweiten, und sie pilgerten zu ihm, denn er war eine theologische Autorität, die allein mit dem Wort wirkte, allein mit der gewaltlosen "Gewalt der Friedfertigen". Frère Roger, wie ihn alle nannten, hatte 1940 in Burgund die Bruderschaft von Taizé gegründet, einen ökumenischen Orden, der während des Zweiten Weltkriegs französische Juden vor der Gestapo versteckte und sich nach 1945 um Kriegsgefangene kümmerte.

Ihm, dem großen Charismatiker Roger Schütz, wie er mit bürgerlichem Namen hieß, war es zu verdanken, dass die Ausstrahlung des Ordens nach dem Krieg wuchs, vor allem unter den Jugendlichen Europas. Die Anziehungskraft, die von Roger Schütz ausging, war das große Rätsel, und wer nie in Taizé war, wird es schwerlich verstehen. Jahr für Jahr strömten Zehntausende junger Christen beider Konfessionen zu den Gottesdiensten in den kleinen Ort, um vor allem die Predigten von Frère Roger zu hören. Und nach seinem Vorbild gründeten sich bald in aller Welt Gemeinschaften, deren Mitglieder ihr Leben mit den Besitzlosen teilen, ganz auf sich gestellt, ohne Spenden, allein durch ihre Arbeit.

Roger Schütz, 1915 in Provence in der Schweiz als Sohn eines reformierten Pfarrers geboren, hatte evangelische Theologie in Lausanne und Straßburg studiert. Er war ein versierter Exeget der Bibel, aber nie hat er eine theologische Lehre dogmatisch vertreten und nie einen exklusiven Glauben gepredigt. Schütz verstand seine Theologie als Rückkehr zu den Wurzeln des Christentums, als Erweckung der einfachen und ursprünglichen Botschaft des Jesus Christus.

Diese Botschaft war für ihn auf den ersten Blick von überwältigender Schlichtheit, und doch schier unmöglich zu leben: Sie hieß Gewaltlosigkeit und Versöhnung. Christus, so wurde Roger Schütz nicht müde zu beteuern, habe den Frieden in Aussicht gestellt, das Ende der Feindschaft und des scheinbar unversöhnlichen Konflikts. Gott war für Roger Schütz die Chiffre des möglichen Friedens, eine Chiffre, die er mit einfachen Worten, aber in einer unendlich anspruchsvollen Intuition in seinen Predigten umkreiste.

Vielleicht lag in dieser einfachen Botschaft das Geheimnis seiner überwältigenden Wirkung, einer Wirkung, die mit ihrer Wiederholung nicht an Energie verlor, sondern stets neue hinzugewann. So war es eben nicht nur der einfache christliche Lebensstil, die ganz und gar uneitle Bescheidenheit, die die Besucher faszinierte und in den kleinen Ort Taizé zog. Sondern es war auch ein sehr einfacher, unverstellter Glauben, der das Evangelium beim Wort nahm und es als die größte Provokation verstand, die in einer gewalttätigen Welt denkbar ist. "Es gibt Christen, die wissen, dass die Kirche nicht für sich selbst da ist, sondern für die Welt." – Am vergangenen Dienstag ist Roger Schütz im Alter von neunzig Jahren den Verletzungen erlegen, die ihm eine offenbar psychisch gestörte Attentäterin während des Abendgebets mit einer Stichwaffe zugefügt hatte.