Wie wohltuend, aus dem außenpolitischen Establishment Amerikas eine Stimme der Mäßigung, der Besonnenheit, der Vernunft zu vernehmen. Nach all dem Furor über das Ende der Geschichte, den Kampf der Kulturen und die Unverträglichkeiten zwischen Mars und Venus kommt einer und sagt: Wir leben in einem kostbaren historischen Augenblick, der uns Frieden, Wohlstand und Freiheit schenken könnte – wenn wir es nur richtig anstellen. Seit Beginn der Neuzeit hätten die Großmächte in blutigen Kriegen um die Vorherrschaft gerungen; heute aber wüssten die Vereinigten Staaten, Europa, China, Russland, Japan und Indien, dass sie den internationalen Terrorismus nicht allein besiegen, die Proliferation von Nuklearwaffen, die Ausbreitung von Aids, den Protektionismus und die Klimakatastrophe nur gemeinsam bekämpfen können. Alleingänge Amerikas dagegen seien, siehe Irak, zum Scheitern verurteilt.

Richard Haass, Präsident des New Yorker Council on Foreign Relations, war von Anfang 2001 bis Mitte 2003 als Chef des Planungsstabes im State Department einer der engsten Mitarbeiter Colin Powells. Wie dieser hat er die Vorbereitungen zum Irak-Krieg loyal mitgetragen. Heute, zwei Jahre später, rechnet er scharf mit der Politik der Regierung Bush ab, und man fragt sich, wie groß wohl die Skepsis bei Powell selbst gewesen sein muss, wenn sein wichtigster Vordenker im Ministerium zu dem vernichtenden Urteil gelangt: Dieser Krieg "war nicht gerechtfertigt".

Das Irak-Debakel ist für Richard Haass ein Lehrstück, welch hohen Preis Amerika für eine Politik des Unilateralismus zahlt. Da seien nicht nur die 1.800 getöteten und mehr als 10.000 verwundeten GIs, nicht nur die Kosten von inzwischen weit über 200 Milliarden Dollar; da seien auch der Verlust an internationaler Unterstützung und der dramatische Anstieg des Antiamerikanismus als Folgen eines Krieges, dessen Legitimation weltweit in Zweifel gezogen wird. Amerika gebe für seine Verteidigung jährlich 500 Milliarden Dollar aus, mehr als China, Russland, Indien, Japan und das gesamte Europa zusammen. Doch selbst die militärisch und wirtschaftlich stärkste Macht der Geschichte stoße an ihre Grenzen und könnte heute außerhalb von Irak keinen zweiten Krieg (etwa gegen Nordkorea) führen.

"Diplomatie ist kein schmutziges Wort!", ruft Haass den Regierenden ins Gedächtnis. Gemeinsames Handeln, "effektiven Multilateralismus", könne es jedoch nur geben, wenn alle Staaten bereit seien, einen Teil ihrer Souveränität aufzugeben. Gerade die alleinige Supermacht könne mit einem solchen Verzicht Führungswillen beweisen. "Die Welt braucht ein Konzept von staatlicher Souveränität, die weniger als absolut ist."

Schon gar nicht dürfe sich auf Souveränität, auf die Unverletzlichkeit seiner Grenzen berufen, wer Krieg gegen das eigene Volk führe. Genozid, "ethnische Säuberungen", der Zusammenbruch aller staatlichen Ordnung – zumindest in Europa und in den Vereinigten Staaten seien dies zunehmend akzeptierte Gründe für humanitäre Interventionen. Diese Legitimation könne sich in einer Entscheidung des UN-Sicherheitsrates manifestieren. Aber Haass, darin nun ganz amerikanischer Realpolitiker, sieht in den Vereinten Nationen nur eine, wenn auch die wichtigste Quelle völkerrechtlicher Legitimität. Er erinnert an den Kosovo, wo die Nato ohne ein Mandat des Sicherheitsrats intervenierte. "Es ist besser, den Multilateralismus als ein A-la-carte-Phänomen zu begreifen. Zur Wahl stehen die Vereinten Nationen, die Nato, eine Reihe regionaler Organisationen und die G8." Richard Haass, Erfinder des Wortes von der "Koalition der Willigen", kann sich aber auch Ad-hoc-Bündnisse nach Art der Sechsergespräche über Nordkorea oder des Nahost-Quartetts vorstellen. Es gebe kein besseres Forum als den Sicherheitsrat – "aber wir können nicht erwarten, dass er die einzige Quelle der Legitimität auf der Welt ist".

Vor acht Jahren, damals noch bei der Brookings Institution in Washington tätig, hat Richard Haass sein viel beachtetes Buch The Reluctant Sheriff vorgelegt. Darin kritisierte er die Außenpolitik der Regierung Clinton als zu machtvergessen. Die Regierung Bush dagegen ist ihm zu machtversessen. Sein Gegenbeispiel für kluge Machtpolitik, die Stärke und politische Geduld vereinte, ist die von George Kennan entworfene Containment-Politik des Westens nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. So wie die von der Sowjetunion ausgehende Bedrohung durch diese Strategie der Eindämmung am Ende überwunden wurde, so könnten heutige Gefahrenherde wie Iran und Nordkorea durch eine Politik der Integration entschärft werden. Nicht Regimewechsel ("regime change") sondern Regimewandel ("regime evolution") verspreche Erfolg. "Integration ist der natürliche Nachfolger der Eindämmung", schreibt Haass.

In der zweiten Amtszeit der Regierung Bush sind die Töne etwas moderater geworden. Der Irak hat auch den neokonservativen Ideologen die Grenzen amerikanischer Macht vor Augen geführt. Von einer neuen Bescheidenheit zu sprechen ist freilich noch zu früh. Bei Richard Haass wäre sie zu finden. Als Beispiel für die von ihm angestrebte integrierte Welt nennt er das "europäische Konzert" des Wiener Kongresses. Einem Henry Kissinger mag diese historische Parallele einer kunstvollen Gleichgewichtspolitik einleuchten. Aber einem George W. Bush? Einem Dick Cheney, Donald Rumsfeld? Bisschen viel Altes Europa, mögen sie denken, wenn sie das Buch von Haass aus der Hand legen. Sollten sie es denn lesen. Was beruhigend wäre und ein Gewinn.