Rom - Der Papst kommt aus der Stille nach Deutschland, fast könnte man denken: wie aus einem Versteck. Wer sich nicht sehr für die katholische Kirche interessiert, hat nicht viel von Benedikt XVI. gehört seit dem Frühjahr, als Johannes Paul II. starb und sein Nachfolger gewählt wurde. Die Aufmerksamkeit, die Joseph Ratzinger zu Beginn entgegenschlug, war geliehen, die Kameras liefen einfach weiter nach dem Tod seines Vorgängers, der die Welt bewegt hatte. Karol Wojtyła hatte dem Papsttum im 20. Jahrhundert globale Statur und globales Echo verschafft – aber was davon würde dem Papsttum bleiben, und was war Wojtyła persönlich, unwiederholbar, und nun mit ihm begraben in der Krypta des Petersdoms? Mit dem Weltjugendtag in Köln kommt der zweite große Öffentlichkeitsschub für Benedikt XVI., der Auftritt in einem Massen- und Breitwandformat, das wie geschaffen war für den Starcharakter Johannes Pauls II., der seinen Magnetismus auch im Leiden, als beinahe stumme Ikone, nicht verlor. Ratzinger aber, trotz aller neuen Entspanntheit, die nach der Wahl an ihm auffiel, bleibt ein Gelehrtentyp, ein deutscher Professor. Wie mag das werden?

Die relative Unauffälligkeit des neuen Papstes ist ihm nicht einfach passiert, sie ist Programm. Benedikt XVI. macht sich rar. Es gibt nicht mehr, wie unter Johannes Paul II., Gäste bei der Frühmesse in der Privatkapelle im Apostolischen Palast, eine Sitte, die den Papst schon am Morgen in ein halböffentliches Licht setzte. Abgeschafft ist das Niederknien und Händeküssen durch eine Prozession ausgewählter Besucher am Schluss der Generalaudienzen, die jeden Mittwoch Scharen auf dem Petersplatz oder in der Audienzhalle auf dem Vatikangelände versammeln, und auch die frisch verheirateten römischen Brautpaare marschieren nicht mehr in langer Reihe zum persönlichen Segen durch den Pontifex an. An Politikern empfängt der Papst nur noch Staats- und Regierungschefs, selbst den russischen Außenminister hat er zum Kardinalstaatssekretär, seinem "Ministerpräsidenten", geschickt. Und Seligsprechungen lässt er vom Chef der zuständigen römischen Kongregation, des federführenden Fachressorts, vornehmen.

Joseph Ratzinger ist 78, zwanzig Jahre älter als Wojtyła bei seiner Wahl, und will seine überschaubar bemessene Zeit nicht mit Folklore und Zeremoniell vertun. Doch im Sich-Zurücknehmen steckt auch ein anderes Papst- und Kirchenbild, ein Abschied vom Personenkult. Zugeständnisse bei der Pille oder beim Zölibat, beim Frauenpriestertum oder beim Abendmahl mit den Evangelischen sind nicht zu erwarten; es wird keinen "liberalen" Benedikt XVI. nach einem "konservativen" Kardinal Ratzinger geben. Aber das Papsttum als absolute Monarchie, das seinen Höhepunkt 1870 mit dem Unfehlbarkeitsdogma erreicht hatte und das Johannes Paul II. durch die Prominenzeffekte des Medienzeitalters erneuert hat – das ist nicht das Amtsverständnis Benedikts XVI.

Er hat sich ein Wappen entwerfen lassen, in dem zum ersten Mal die Tiara fehlt, die dreifache Krone, die über Jahrhunderte den Weltherrschaftsanspruch der Päpste symbolisierte; bei Benedikt gibt es nur noch die Mitra, den Bischofshut. Es ist eine Geste vor allem an die orthodoxe Kirche, die sich theologisch mit den Katholiken im meisten einig ist, nur eben beim Papsttum nicht. In Deutschland denkt man beim Stichwort "Ökumene" automatisch an Katholiken und Protestanten, aber Benedikt XVI. wird mehr an die Ostkirchen denken. Es gibt ohnehin etwas, das ihn dahin zieht: die Liturgie, der Sinn für das Mysterium und für den gewachsenen Ritus, den die Orthodoxie bewahrt hat, während der Papst den Gottesdienst im Westen von Anbiederung und Trivialität bedroht sieht. Und weil Benedikt XVI. nicht Pole ist und kein Totengräber des sowjetrussischen Imperiums war, kann er vielleicht eines Tages jene Reise nach Moskau antreten, auf die Johannes Paul II. bis zum Schluss verzichten musste.

In Rom kann man manchmal den Eindruck haben, es gebe zwei Päpste, die Zwischenzeit sei noch gar nicht zu Ende. In den Andenkenläden um den Petersplatz kommen die Benedikt-Devotionalien erst langsam gegen die Wojtyła-Artikel an. In mehr als einem Vierteljahrhundert war der Pole zum Pontifex schlechthin geworden. Am Petersdom hat man einen Weg direkt in die Krypta eröffnet, der nicht mehr durch die Kirche führt. Die Leute ziehen am Grab Johannes Pauls II. vorbei; es wird gebetet, gesungen, gekniet, fotografiert und geweint. Die Grabplatte selbst darf man nicht berühren, aber es steht ein Offizieller daneben, der sich Münzen, Autoschlüssel, Rosenkränze anreichen lässt und sie kurz auf den Stein legt. Eine Kontaktmagie, wie sie schwerlich im Buch der Kirchenlehre steht, ein Schuss Aberglauben – aber am Ende ist es auch so, als ob der touristisch übernutzte, geistlich entleerte riesenhafte Petersdom ein kleines neues Herz hätte.

Joseph Ratzinger verfolgt ein Ziel: Das Benedikt-Projekt

Johannes Paul II. war polnisch und universal, der Freiheitsprediger seines Volkes (und der Nachbarvölker unter kommunistischer Herrschaft), und er war der Protagonist einer globalisierten Kirche. Benedikt XVI. ist zuerst der europäische Papst. Er hat seinen Namen nach dem heiligen Benedikt gewählt, dem Gründervater des abendländischen Mönchtums, der in den Ruinen des zerfallenden spätrömischen Reichs eine Klosterkultur stiftete, die sich über den ganzen Kontinent ausbreiten sollte: Klöster als Orte der Spiritualität, wo nichts wichtiger sein durfte als der Gottesdienst, aber auch Klöster als Pflanzstätten der Zivilisation, von der Landwirtschaft bis zur Gelehrsamkeit.

Dass das zusammengehört, Religion und Kultur, Glaube und Vernunft – das ist im Grunde der ganze Ratzinger, das ist sein Europabild und womöglich auch sein Programm als Papst. Ob er es plausibel machen kann oder ob es als kraftloses Heimweh nach einem christlichen Abendland erscheint, das wird über die Wirkung dieses Pontifikats entscheiden. In Ratzingers Augen wäre ein Europa, das sich seiner christlichen Wurzeln bewusst ist, das Modell einer harmonischen Synthese von Aufklärung und Religion – auch für die anderen Weltkulturen, die den Westen jetzt nur in Gestalt von Technologie und Konsum erleben und davon zerstört werden oder mit der Flucht in eine fanatische Selbstbehauptung reagieren. Das Christentum als "dritter Weg" zwischen Säkularisierung und Fundamentalismus – das wäre die positive Gestalt von Ratzingers Zeitdiagnose, die er als Kardinal meist pessimistisch, als Kulturkritik am Materialismus, vorgetragen hat. Das Benedikt-Projekt steht und fällt damit, ob der Papst Zugang zu einer heimlichen Sehnsucht der Zeitgenossen findet, die von der puren Diesseitigkeit unbefriedigt sind, unsicher, ob die gewünschten "Werte" aus sich selbst heraus zu begründen sind, beunruhigt über eine leer laufende Moderne. Die öffentlichen Gespräche, die Ratzinger immer wieder mit nichtgläubigen Intellektuellen geführt hat, in Deutschland mit Jürgen Habermas, hatten im Kern bereits diesen lockenden Charakter: Fehlt euch nicht doch etwas?