Vom Weltkulturerbe bis zum Zuckerrübenacker sind es 20 Kilometer. Sing! Pray! Follow the star!, befiehlt die Pilgerliteratur in der Bahnhofsbuchhandlung. Bei Mitgepilgert! gehorche ich. Das Heftchen beschreibt den Weg vom Kölner Dom bis zum Marienfeld. Auf dem Marienfeld, einem umfunktionierten Acker bei Kerpen, werden am Wochenende 400.000 angemeldete Jugendliche und noch mal so viele Spontanpilger mit Benedikt XVI. singen und beten. Man könnte dorthin mit der S-Bahn oder dem Bus fahren. Doch der wahre und aufrechte Pilger geht zu Fuß! Auf dem Rücken den hellblauen Weltjugendtag-Rucksack. Er ist bestückt mit Wasserflasche, Rosenkranz, Lieder- und Gebetbuch, kompostierbarem Essbesteck und einer Stadtkarte von Köln. Grüne Farbe markiert den kürzesten Weg aus der Stadt. Los geht es am Dom, genauer gesagt, im Dom.

"Wir freuen uns über das Ereignis, sind aber froh, wenn es vorbei ist", sagt Barbara Schock-Werner. Die Dombaumeisterin bahnt sich einen Weg zum Dreikönigsschrein, im Zickzack um die knipsenden Touristen herum. Bis zu 200.000 Pilger müssen hier bald pro Tag in Sechserreihen durchgeschleust werden. "Die Pilger sind harmlos", sagt sie, mehr Angst habe sie vor dem Fernsehen, das für den Dombesuch des Papstes überall Kameras und Scheinwerfer installiere. "Denen müssen wir genau auf die Finger schauen." An der Schwelle zum mittelalterlichen Chorumgang, dort, wo die Fußbodenmosaike beginnen, fasst sich eine Rentnerin ein Herz und spricht die Dombaumeisterin an. Die vielen jungen Leute jeden Tag und dann die Mädchen mit ihren Pumps, ruiniert das nicht die schönen Mosaike? Die seien erstaunlich widerstandsfähig, beruhigt sie die Dombaumeisterin, "und außerdem haben die jungen Leute ja alle Turnschuhe an".

Turnschuhe sind essenziell, vor allem wenn 20 Kilometer Asphalt vor einem liegen. Die Pilgerkarte auch, doch die ist so kleinteilig, dass ich mich im Straßengewirr westlich des Doms gleich verlaufe. Doch zum Glück ist da Wilfried. Wilfried sitzt vor einer roten Backsteinkirche auf dem Boden. Neben sich hat er, säuberlich geordnet, einen Rucksack stehen, eine Thermoskanne, einen Kaffeebecher mit ein paar Münzen drin und ein Schildchen: "Auch wenn Sie es nicht glauben: Jesus lebt." Gegen den Weltjugendtag habe er nichts. Aber ohne Welt. Nur Jugendtag. In der Bibel sei stets vom Kosmos die Rede. "Die Welt ist gegen Gott, denn sie wird vom Satan regiert." Und der Papst? Sämtliche Kanaldeckel hätten sie hier heute früh versiegelt. "Was das kostet!" Dann erzählt Wilfried noch, dass er vor 18 Jahren wiedergeboren wurde. "Wilfried", habe Jesus damals zu ihm gesagt, "du hast den Willen, aber dir fehlt die Kraft. Komm und folge mir." So geschah es. "Seit dieser Zeit bin ich trocken. Rechts um die Ecke, dann immer geradeaus. Ich wünsch dir was!"

Die Betten sind gebraucht, und keiner hat den Nonnen was gesagt

Weiter also, die Breite Straße entlang, eine Einkaufsstraße, die mit ihrem Namen hinreichend beschrieben ist. Ganz in der Nähe, zwar nicht an der eingezeichneten Pilgerroute, aber dennoch prominent in der Fußgängerzone, steht die Antoniterkirche. In ihrem Gemeindesaal können sich die Weltjugendtagspilger Information und Beratung von Lesben- und Schwulenvereinen holen. Es gibt in Köln 100.000 Lesben und Schwule, eine der größten Gemeinden in Deutschland. Für die Podiumsdiskussion Lesben und Schwule als Teil der Schöpfungsordnung konnten sie sogar einen katholischen Pater gewinnen.

Breite Straße, Maastrichter Straße, Aachener Straße. Es ist der Adolf-Kolping-Pilgerweg, dem ich hier folge. Kolping kommt aus Kerpen. Als Schuhmachergeselle hat er die Gefährdung der wandernden Gesellen kennen gelernt, als Priester hat er sie auf den rechten Pfad geführt. 1991 wurde er von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen.

An einer Unterführung hängt ein Kondomautomat, darüber donnert der Verkehr. Dann der erste Pilgerbrunnen. Sechzehn Wasserhähne, montiert an einem Gerüst. Hier kann man seine PET-Flasche nachfüllen. Das ist auch nötig, denn das original enthaltene Mineralwasser schmeckt reichlich abgestanden. Vorsicht!

Friedrich Schmidt muss ein wichtiger Mann gewesen sein. Die nach ihm benannte Straße, immer am Stadtgarten entlang, nimmt kein Ende. Die Häuser werden niedriger, die davor geparkten Wagen größer. Der Bürgersteigasphalt lässt mich meine Pilgerbeine nun deutlich spüren. Trotzdem sollte man nicht der Versuchung erliegen, auf dem schmalen Grünstreifen daneben zu laufen, die Hundehaufen sind deutlich zu riechen. Nach vielen weiteren Schritten taucht das Rheinenergiestadion auf. Hier werden Gottesdienste abgehalten. Heute jedoch spielt der FC gegen Mainz 05. Und, wie stehen die Chancen? "Pfff", sagt der Parkplatzeinweiser, "sind beides Karnevalsvereine."