Armut kann sehr idyllisch sein. Kurz hinter Lublin beginnen die sanften Hügel, die goldgelben und grünen Felder, über denen ein endloser Himmel steht. Viele Straßen sind frisch geteert. Vieh weidet auf den Wiesen, mitunter steht ein kleiner, weiß getünchter Marienaltar am Wegesrand. Dann und wann biegt ein alter Traktor auf die Straße. Die Dörfer wirken aufgeräumt, die meisten Gebäude sind frisch gestrichen oder neu gebaut. Eine süße, satte Sommerstimmung liegt in der Luft.

"Alles Fassade", sagt Zbigniew Pasik.

"Armut findet man nur jenseits der Straße", sagt er.

Pasik, einziger Redakteur der Nowa Gazeta Łukowska, ein strenger älterer Herr, sagt das am Nachmittag, beim Besuch in seiner Redaktionsstube im Städtchen Łuków, am Ende einer Fahrt durch den Norden der polnischen Provinz Lubelskie. Die Nowa Gazeta Łukowska kommt einmal im Monat heraus und hat eine Auflage von eintausend Stück. In ihr inserieren das Fotostudio, die Apotheke, der Blumenladen, das Autohaus und der Hersteller von Grillwürsten und Grillfleisch. Sonst gibt es kaum Anzeigen. "Die Leute sind zu arm, um Anzeigen aufzugeben", sagt Pasik.

Aber was ist Armut, in Łuków, in Lublin und in den Orten dazwischen? Der Statistik nach ist diese Region, die Woiwodschaft Lubelskie, die ärmste Gegend in der ganzen Europäischen Union. Hier, im polnischen Osten an den Grenzen zu Weißrussland und zur Ukraine, liegt das statistische Einkommen der 2,2 Millionen Einwohner bei kaum einem Drittel des europäischen Durchschnitts. Jeder Zehnte lebt von weniger als 150 Euro im Monat, und kaum einer, der arbeitet, verdient einen polnischen Durchschnittslohn, der derzeit bei etwa 600 Euro liegt. Mindestens drei unter zehn Kindern leiden Hunger – sagt die Statistik.

Stimmt das? Krzysztof Stępniak, Anfang 50, Vollbart, beigefarbenes Hemd und passende Krawatte, zuckt mit den Schultern. "Es gibt sie, diese Kinder", sagt er. Stępniak sagt das am Morgen, in seinem spärlich mit einem schmalen Schreibtisch und ein paar kleinen Schränken eingerichteten Büro im Rathaus von Serokomla, er sagt es ganz ruhig, so wie einer, der daran gewohnt ist, so etwas zu sagen. Stępniak ist Bürgermeister und Serokomla statistisch eine der ärmsten Gemeinden in der Woiwodschaft Lubelskie. Auch der Bürgermeister hat auf jede Frage eine Tabelle zur Hand, verborgen in dicken Akten mit vielen Seiten. 30 Prozent der Bewohner Serokomlas haben keine Arbeit. Ein Drittel aller Menschen lebt von den Überweisungen des Staates, von Pensionen, Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld. 80 Prozent aller Kinder bekommen eine Schulspeisung. Solange Schule ist.

4.200 Menschen wohnen in der Gemeinde. Vor der Wende vom Kommunismus zum Kapitalismus, sagt Bürgermeister StΩpniak, hätten sie ganz ordentlich gelebt. Jetzt nicht mehr. Im Juli wurden für die Armen der Gegend vier Tonnen Lebensmittel gesammelt, und würden die Überweisungen des Staates ausbleiben, sagt Stępniak, "würde es hier ganz fürchterlich". In Serokomla ist es wie fast überall in der Woiwodschaft Lubelskie: Die meisten Einwohner sind Bauern, die wenigsten haben mehr als drei oder vier Hektar Grund, und seitdem die Marktwirtschaft regiert, sind die Produktionskosten zu hoch und die Absatzpreise zu niedrig geworden. Noch so eine Statistik aus dem Schrank des Bürgermeisters: "Für 80 Prozent der Bauern lohnt es nicht mehr, für den Markt zu produzieren."

Und andere Arbeitsplätze? Wieder zuckt Stępniak mit den Schultern. In Lublin hat es mit der FSZ mal die größte Lastwagenfabrik Polens gegeben, da gingen auch Leute aus Serokomla arbeiten. Diese Fabrik wurde von dem koreanischen Unternehmen Daewoo gekauft, jetzt ist sie pleite. In Łuków stand einmal eine Schuhfabrik, die 3.000 Menschen beschäftigte. Die ist auch pleite.

Zum Essen: Erdbeeren, Blaubeeren, Himbeeren

Vom ockergelb gestrichenen Rathaus, das kurz hinter dem Ortseingang Serokomlas liegt, führt die Hauptstraße an der mächtigen katholischen Kirche mit ihrem nagelneuen Glockenturm vorbei, entlang ordentlichen Einfamilienhäusern und zwei, drei winzigen Dorfläden, in denen der Laib Brot umgerechnet 40 Cent kostet, andere Güter des täglichen Bedarfs – Waschmittel, Zahnpasta oder Shampoo – aber fast so teuer sind wie im europäischen Westen. Im zweiten Stock über dem Laden von Barbara Wójtowicz hat ihr Vater Szczepan seine Fabrik, der einzige echte Arbeitgeber des Ortes. Auf etwa 30 Quadratmetern sitzen 18 Frauen hinter Nähmaschinen und nähen Kinderhemden und Kinderhosen zusammen; 210 Euro verdienen sie im Monat. Vor nicht allzu langer Zeit saßen hier 30 Frauen, inzwischen aber wird in der Ukraine oder in Weißrussland billiger geschneidert.

Dennoch ist Szczepan Wójtowicz wahrscheinlich einer der Reichen in Serokomla. Daran mag es liegen, dass der kräftige, braun gebrannte Mann mit dem früh gealterten Gesicht meint, dass man es "auch in Serokomla schafft", dass "Eltern, die arbeiten, ihre Kinder ernähren können", dass es schließlich auf den Feldern "genügend Erdbeeren, Blaubeeren, Himbeeren zum Essen" gibt.